Romantik und Melancholie im Bösendorfer Salon

Veranstaltung der Österreichisch-Britischen Gesellschaft am 6. November 2026

Ein Bericht von Wolfgang Geißler

(Fotos: ©Wolfgang Geißler)

Unser Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch begrüßte die Mitglieder der Österreichisch-Britischen Gesellschaft im gut besetzten Bösendorfer Salon in der Canovagasse. Er dankte Kammersängerin Univ.-Prof. Ildikó Raimondi und Salonmanager Vladimir Bulzan für die Einladung zu diesem besonderen Abend. Nach einigen organisatorischen Hinweisen übergab er das Wort an den Hausherrn.

Dass dieser Abend überhaupt zustande kam, verdanken wir der gewissenhaften Einfädelarbeit unserer Mag. Eva Vaskovich-Fidelsberger. Dafür gebührt ihr unser herzlicher Dank.

Vladimir Bulzan über Bösendorfer und den Klang des Hauses

Vladimir Bulzan machte uns zunächst mit einem Ort vertraut, dessen musikalische Vergangenheit man den vergleichsweise schlichten Räumen kaum ansieht. Wir saßen unter der Bühne des Goldenen Saals des Wiener Musikvereins. Er erläuterte, welche Bedeutung die von Theophil Hansen vorgesehenen Hohlräume unter dem Saal für dessen berühmte Akustik haben. Auch Johannes Brahms und Franz Liszt hatten in den ehemaligen Räumen des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde Zeit verbracht. An musikalischen Geistern fehlte es hier also wahrlich nicht. Schubert selbst konnte freilich nicht darunter sein. Zu seinen Lebzeiten stand dieses Gebäude noch nicht.

Das Gründungsjahr von Bösendorfer, 1828, ist zugleich Schuberts Todesjahr. Seit damals wird an einem Klang gearbeitet, den Bulzan als eine eigene Sprache beschrieb. Jeder gute Flügel habe seinen Charakter; in einem Bösendorfer höre er etwas uns besonders Vertrautes. Seine Verbundenheit mit dem österreichischen Instrument und den Menschen, die es bauen, war deutlich zu spüren.

Auch unter dem Eigentümer Yamaha werden die Instrumente weiterhin in Wiener Neustadt hergestellt. Bulzan erzählte vom handwerklichen Wissen und von der Geduld, die dazu gehören. Das Holz lagert rund fünf Jahre im Freien, ehe es verarbeitet wird. Etwa 300 Instrumente entstehen jährlich. Solche Zahlen geben eine Vorstellung davon, wie viel Zeit in einem Flügel steckt, lange bevor der erste Pianist daran Platz nimmt.

Bei allem Stolz auf diese Tradition verschwieg er seine Sorgen nicht. Der Klaviermarkt habe es schwer, und in Österreich vermisse er mitunter die Wertschätzung für ein Produkt, das im Ausland als ein Stück österreichischer Musikkultur wahrgenommen werde. Das bevorstehende zweihundertjährige Jubiläum 2028 war für ihn daher auch Anlass, über die Zukunft dieses Handwerks nachzudenken.

Zu hören bekamen wir einen Nachbau nach historischen Plänen eines Flügels, den Ludwig Bösendorfer für Johann Strauß geschaffen hatte. Die beiden verband auch eine Freundschaft samt gemeinsamen Tarockpartien. Musik könne Menschen über Grenzen hinweg zusammenführen und ihnen eine friedliche Begegnung ermöglichen, betonte Bulzan. Der menschlichen Stimme räumte er unter den musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten einen besonderen Rang ein. Ein Bösendorfer solle ihr ein guter Partner sein. Damit war der Übergang zu Ildikó Raimondi gegeben.

Ildikó Raimondi und die britischen Spuren bei Schubert

Raimondi nahm Bulzans Gedanken sofort auf. Für eine klassische Sängerin, erklärte sie, gebe es kaum ein Instrument, das ihr so nahe stehe wie das Klavier. Es begleite sie durch ihr ganzes Berufsleben. Ihre Ankündigung, sie werde sich bei diesem Vortrag dadurch retten, dass sie möglichst viel singe, nahm man mit Vergnügen zur Kenntnis. Die Sorge um ihre Fähigkeiten als Vortragende erwies sich rasch als unbegründet. Sie erzählte kenntnisreich und mit einer Unbefangenheit, die uns den Zugang zu ihrem Thema leicht machte.

Mitgebracht hatte sie die aus China stammende Pianistin Jiayin Li von der Universität Mozarteum Salzburg. Dort war diese bereits mit zwölf Jahren in die Klasse von Klaus Kaufmann aufgenommen worden. Seit 2024 studiert sie im Master Klavier Solo, seit 2026 zusätzlich im Master Lied. Raimondi erwähnte auch Kaufmann, der die junge Künstlerin schon seit ihrer frühen Ausbildung kannte. Wie viel sich aus dieser Förderung entwickelt hatte, konnten wir im Laufe des Abends hören.

Der Titel „Englische Spuren in Schuberts Klangwelt – Romantik und Melancholie“ war für unsere Gesellschaft gut gewählt. Die Verbindungen führten nach England und ebenso nach Schottland. Um Schubert zu verstehen, müsse man auch die Begeisterung für britische Dichtung im Wien seiner Zeit kennen, erläuterte Raimondi. Shakespeare und Walter Scott waren durch deutsche Übersetzungen gegenwärtig. In Schuberts Freundeskreis gehörte Eduard von Bauernfeld zu jenen, die sich intensiv mit Shakespeare beschäftigten und ihm diese literarische Welt nahebrachten.

Zum Auftakt erklang Schuberts Shakespeare-Ständchen „Horch, horch, die Lerch“, komponiert 1826 und damit heuer zweihundert Jahre alt. Es war ein heiterer Beginn, ehe sich der Abend jenen nachdenklicheren Empfindungen zuwandte, die im Untertitel angekündigt waren.

Walter Scott und Ellens Gesänge

Von Shakespeare führte Raimondi zu Walter Scott und dessen Verserzählung „The Lady of the Lake“, auf Deutsch „Das Fräulein vom See“. Schubert wählte daraus sieben Texte zur Vertonung. Zu hören waren an diesem Abend Ellens zweiter Gesang „Jäger, ruhe von der Jagd“ und Ellens dritter Gesang, das weltberühmte „Ave Maria“.

Gerade bei einem so vertrauten Werk lohnte es sich, auf den ursprünglichen Zusammenhang zurückzukommen. Das „Ave Maria“ entstand als Gebet einer Gestalt aus Scotts Dichtung. Ellen bittet um Schutz für sich und ihren Vater. Der heute häufig gesungene lateinische Gebetstext wurde der Musik später unterlegt. Wer das Lied fast ausschließlich aus kirchlichen Feiern kennt, hörte hier von seiner literarischen Herkunft und konnte es dadurch mit anderen Ohren aufnehmen.

Raimondi erzählte auch von der frühen Veröffentlichung mit englischem Text und vom Geschäftssinn der Verleger. Die Lieder fanden ihren Weg über Sprachgrenzen hinweg, während Schubert selbst vom späteren Welterfolg finanziell wenig hatte. Der Gedanke, was allein dieses eine Lied seinem Schöpfer hätte einbringen können, drängte sich dabei unwillkürlich auf.

In Scotts Dichtung fand sie bereits jene enge Verbindung von Landschaft und menschlicher Empfindung, die sich durch den weiteren Abend zog. Die Natur bot Schutz, Ruhe und die Hoffnung, wieder zu sich zu finden. In einer sich verändernden, städtischer werdenden Welt gewann diese Sehnsucht an Gewicht. Raimondi erklärte den Zusammenhang und ließ uns anschließend hören, wie Schubert ihn in Musik verwandelte.

Melancholie und die Nähe zur Natur

Die Melancholie betrachtete Raimondi aus einer längeren historischen Perspektive. In der Antike hatte man sie mit einem Ungleichgewicht der Körpersäfte erklärt. Im romantischen Künstlerbild erhielt die empfindsame, verletzliche Seele eine besondere Bedeutung. Traurigkeit und Einsamkeit konnten zum Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit werden.

Eine weitere britische Spur führte zum schottischen Arzt George Cheyne und seiner 1733 erschienenen Schrift „The English Malady“. Er beschäftigte sich mit nervösen Leiden und dem Zusammenhang zwischen körperlicher Verfassung und seelischem Befinden. Raimondi stellte diesen Hinweis in den größeren Zusammenhang einer Zeit, in der das Innenleben des Menschen zunehmend Aufmerksamkeit fand. Bei den Schubertiaden, erinnerte sie, wurde über solche Fragen ebenso gesprochen wie über Kunst und die Verhältnisse der Gegenwart.

Dazu passte das Schubert-Impromptu, das Jiayin Li spielte. Raimondi hatte diese Klavierstücke als musikalisch gefasste Empfindungen und Seelenzustände beschrieben. Nun gehörte die Aufmerksamkeit ganz der Pianistin. Ihr Spiel war für mich eine der besonderen Entdeckungen dieses Abends. Sie bewies als Liedpartnerin ebenso wie in ihren Solobeiträgen eine Ausdruckskraft und Sicherheit, die mich tief beeindruckten. Phänomenal trifft es durchaus. Diesen Namen sollte man sich merken.

Mit Goethes „An den Mond“ führte Raimondi den Gedanken der Naturverbundenheit weiter. Sie sprach auch vom englischen Landschaftsgarten, dessen freiere Gestaltung ein anderes Verhältnis zur Natur ausdrückte als der streng geordnete Barockgarten. In Goethes Dichtung und Schuberts Vertonung wurde daraus eine sehr persönliche Sprache der Erinnerung und der Einsamkeit.

Noch eindringlicher trat die Einsamkeit im „Leiermann“ hervor, dem Schlusslied der „Winterreise“ von 1827. Der alte Mann steht abseits, die Hunde knurren, sein Teller bleibt leer, und dennoch dreht er weiter an seiner Leier. Raimondi deutete ihn als Bild des Künstlers, der seiner Arbeit auch dort treu bleibt, wo ihm niemand zuhört. Nach dieser Einführung bekam das karge, beharrliche Lied eine besondere Schwere.

Dass Schubert für sie auch eine persönliche Aufgabe ist, wurde bei ihrem Hinweis auf die Schubertiaden in Atzenbrugg deutlich, deren künstlerische Leitung sie innehat. Dort hatte der junge Komponist mit Freunden Sommertage verbracht. Schon jetzt richtet sich der Blick auf seinen zweihundertsten Todestag 2028. Eine Zusammenarbeit mit Bösendorfer könne sie sich gut vorstellen. Ihre eigene Bindung an das Instrument brachte sie mit einer hübschen Erinnerung auf den Punkt. Sie habe einmal vor der Wahl gestanden, eine kleine Wohnung oder einen Bösendorfer zu kaufen. Es wurde der Bösendorfer.

Beethoven und die britischen Inseln

Zum Ende hin erweiterte Raimondi den Blick auf Beethoven. Er lebte zur selben Zeit wie Schubert in Wien, hatte sich jedoch bereits als Komponist durchgesetzt und Zugang zu einflussreichen Kreisen gefunden. Schuberts Weg war mühsamer; umso wichtiger waren ihm seine treuen Freunde.

Auch Beethoven hatte enge musikalische Verbindungen zu den britischen Inseln. Er bearbeitete zahlreiche schottische, irische und walisische Volkslieder, häufig für Singstimme mit Klavier, Violine und Violoncello. Raimondi erinnerte daran, dass sich auch Haydn in großem Umfang solchen Liedern gewidmet hatte. Der musikalische Austausch mit Großbritannien gehörte somit ganz selbstverständlich zum Wiener Musikleben.

Mit Beethovens zunehmender Taubheit kam eine andere Form der Vereinsamung zur Sprache. Seine Konversationshefte lassen erkennen, wie andere Menschen mit ihm kommunizierten, und geben über ihre Eintragungen Einblick in seine Gespräche. Raimondi verband dies mit der Sehnsucht nach innerer Ruhe und Erlösung, die sie in seinem Lied „Resignation“ hörte und uns mit ihrer Darbietung nahebrachte.

Danach übernahm Jiayin Li wieder allein den Flügel. Sie spielte den zweiten und dritten Satz der Sonate „Les Adieux“ op. 81a. Raimondi erläuterte den Zusammenhang mit Erzherzog Rudolfs Abreise aus Wien angesichts des Vormarschs Napoleons. Auf die Abwesenheit folgt in der Sonate die Freude über das Wiedersehen. So führte das Programm nach den dunkleren Empfindungen der vorangegangenen Lieder wieder zu einer zuversichtlicheren Stimmung. Auch hier zeigte die junge Pianistin, wie selbstverständlich sie einen großen musikalischen Bogen gestalten konnte.

Shakespeare zum Abschied

Als Zugabe kehrten die beiden Künstlerinnen zu Schubert und Shakespeare zurück. Mit „An Sylvia“, ebenfalls 1826 komponiert, schloss sich der Kreis zum Beginn des Abends.

Kurt Tiroch dankte Raimondi besonders dafür, dass sie die Lieder in ihre Zeit und ihre literarischen Zusammenhänge gestellt hatte. Das traf den Gewinn dieses Abends sehr gut. Man hatte die Werke gehört und zugleich mehr darüber erfahren, was in ihnen zur Sprache kommt. Unser herzlicher Dank gilt beiden Künstlerinnen sowie Vladimir Bulzan und dem Hause Bösendorfer für ihre Gastfreundschaft.

Zum Abschluss überreichte unser rühriger Präsident KS Ildikó Raimondi ein wunderschönes Bouquet, das ebenfalls Eva ausgewählt hatte.

Nur auf einen Gesangsbeitrag unseres Präsidenten warteten wir vergeblich. Vielleicht dürfen wir bei einer nächsten Gelegenheit damit rechnen.

Anschließend wurden Canapés, Prosecco und Grüner Veltliner gereicht – freundlicherweise vom Café Ministerium zur Verfügung gestellt. Bei diesem geselligen Ausklang blieb Gelegenheit, mit den Künstlerinnen und untereinander ins Gespräch zu kommen. Auch dieser Teil des Abends sei hier mit der gebotenen Sorgfalt festgehalten.

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