Das erste Weinlesefest der Österreichisch-Britischen Gesellschaft

Von Wolfgang Geißler

Bildnachweis: © Wolfgang Geißler; weitere Aufnahmen wurden dankenswerterweise von Mitgliedern zur Verfügung gestellt.

Samstag, 5. September, kurz vor elf Uhr. Wien zeigte sich grau, nass und regnerisch – nicht gerade jene Voraussetzungen, die man sich für das erste Weinlesefest der Österreichisch-Britischen Gesellschaft gewünscht hätte.

Ob unser Präsident, Prof. Dr. Kurt Tiroch, seit dem frühen Morgen die Wettervorhersage mit jener diskreten Besorgnis verfolgte, die seinem Amt angemessen ist? Und wie viele der rund vierzig Angemeldeten standen wohl gerade am Fenster und überlegten sich nochmals, ob das Abschneiden nasser Weintrauben tatsächlich zu den verlockendsten Formen der Samstagsunterhaltung zählt?

Doch der ORF ließ uns nicht völlig im Regen stehen. Die Schauerneigung sollte zurückgehen und am Nachmittag vermehrt die Sonne zum Vorschein kommen. Immerhin bei bis zu 26 Grad, wenngleich mit lebhaftem bis kräftigem Westwind. Und 14 Uhr ist doch wohl Nachmittag – selbst nach strengster meteorologischer Auslegung.

Als ich diese Zeilen schrieb, stand mir leider keine Kristallkugel zur Verfügung. Ich konnte daher weder versprechen, dass die Sonne pünktlich über Neustift erscheinen würde, noch dass alle angemeldeten Teilnehmer tatsächlich mit Schere und Bottich zur Tat schreiten würden. Der Wetterfrosch zeigte sich jedoch zuversichtlich, die Reben warteten – und sollte Petrus uns dennoch im Stich lassen, dürfte es beim Weingut Wolff genügend bereits abgefüllten Trost geben.

Wenige Stunden später wussten wir es: Der Wetterfrosch hatte recht. Aus dem nassen, grauen Vormittag wurde rechtzeitig ein ausgesprochen schöner Nachmittag. Die Sonne zeigte sich über Neustift und ließ sogar die zunächst etwas optimistisch anmutenden Sonnenhüte zu ihrem Recht kommen. Kurts präsidiale Besorgnis – sofern sie überhaupt bestanden hatte – erwies sich als unbegründet. Die Weinlese konnte wie geplant stattfinden.

Seit nunmehr vierzehn Jahren gehört das Weingut Wolff zu den vertrauten Treffpunkten unserer Gesellschaft. Gewöhnlich kommen wir gegen Ende des Schuljahres hierher, um den Sommer in gebührender Weise zu begrüßen. Diesmal hatte sich Kurt jedoch etwas anderes einfallen lassen. Wir sollten den Wein nicht nur trinken, sondern uns wenigstens einmal damit beschäftigen, woher er eigentlich kommt.

Nach der Begrüßung erklärte Kurt zunächst den Ablauf. Wie er uns wissen ließ, wird aus Weintrauben irgendwann Wein – allerdings nicht sofort. An diesem Nachmittag ging es daher vorerst um den Rohstoff und um unseren bescheidenen Beitrag zu dessen Einbringung.

Etwa sechzehn Freiwillige meldeten sich zur Arbeit. Die übrigen durften die nicht minder wichtige Aufgabe der moralischen Unterstützung übernehmen. Gelesen wurde in Zweierteams. Mit „Pärchen“, stellte Kurt vorsichtshalber klar, sei ausschließlich die jeweilige Arbeitsgemeinschaft gemeint. Jedes Team erhielt einen Bottich – oder, weniger poetisch ausgedrückt, einen Kübel – sowie Schere und Sonnenhut. Eine halbe Stunde sollte gelesen werden; danach waren die gefüllten Gefäße abzuliefern und gewissenhaft zu zählen. Dem fleißigsten Team winkte selbstverständlich ein Preis.

Bevor wir jedoch mit scharfen Scheren auf seine Rebstöcke losgelassen wurden, begrüßte uns Peter Wolff und gab uns eine fachkundige Einführung in den Wiener Weinbau. Wir befanden uns noch innerhalb der Wiener Stadtgrenze; nur rund 400 Meter weiter begann bereits Niederösterreich. Wien verfügt über annähernd 600 Hektar Rebfläche, wobei Döbling der größte Weinbaubezirk ist. Neustift, Nussdorf, Grinzing und Sievering sind nicht nur klangvolle Namen, sondern bis heute ein wesentlicher Teil dieser Wiener Weinlandschaft.

Peter schilderte uns auch die beiden sehr unterschiedlichen Seiten seines Berufes: auf der einen den lebhaften und oft genug hektischen Betrieb im Lokal, auf der anderen die Ruhe der Weingärten. Dort erlebt der Winzer den Kreislauf eines Jahres unmittelbar – vom Rebschnitt über Austrieb und Blüte bis zur Lese. Allerdings hält sich die Natur nicht immer an die Vorstellungen des Menschen.

Das heurige Jahr war besonders schwierig. Aus einer Trockenperiode, bei der man zunächst noch an einige Wochen dachte, wurden schließlich drei Monate. Die Weingärten mussten daher mit einer Tröpfchenbewässerung versorgt werden. Dabei gelangt das Wasser unmittelbar zum Boden und breitet sich unterhalb der Oberfläche kegelförmig aus. Peter und seine Mitarbeiter konnten auf vorhandene Wasserschächte zurückgreifen und mussten dafür glücklicherweise nicht das kostbare Wiener Hochquellwasser verwenden.

Durch diese aufwendige Bewässerung konnten die Rebstöcke gerettet werden. Denn anhaltender Trockenstress gefährdet nicht nur die gegenwärtige Ernte, sondern kann sich auch auf den Fruchtansatz des folgenden Jahres auswirken.

Auch die Streulage der Weingärten hat einen guten Grund. Ein Hagelunwetter trifft meist nur ein begrenztes Gebiet. Liegen die Weingärten an verschiedenen Orten, kann zwar eine Fläche schwer beschädigt werden, ohne dass deshalb gleich die gesamte Ernte verloren ist. Selbst die aus Amerika eingeschleppte Rebzikade kam zur Sprache. Sie schädigt die Reben weniger durch ihre eigene Tätigkeit als dadurch, dass sie eine gefährliche Vergilbungskrankheit von einem Weinstock auf den nächsten übertragen kann.

Gelesen wurde an diesem Nachmittag Gemischter Satz, jene traditionelle Wiener Besonderheit, bei der verschiedene Rebsorten gemeinsam in einem Weingarten wachsen, zusammen gelesen und schließlich auch gemeinsam verarbeitet werden. Peter zeigte uns, wie die Trauben fachgerecht abgeschnitten werden. Rechtshänder nahmen die Schere in die rechte, Linkshänder in die linke Hand – damit war zumindest diese Frage zweifelsfrei geklärt.

Für einen kleinen kulturgeschichtlichen Exkurs sorgte Eva Vaskovich-Fidelsberger. Das auffallende Muster ihres Outfits erinnerte an den traditionellen Kalmuck-Janker. Der Überlieferung nach geht der robuste Kalmuckstoff auf Satteldecken des westmongolischen Reitervolkes der Kalmücken zurück. Später wurde daraus wetterfeste Arbeitskleidung gefertigt, wie sie besonders von den Wachauer Weinbauern getragen wurde und teilweise noch heute getragen wird. Inzwischen gibt es das charakteristische Muster in den verschiedensten Farben und Varianten – und, wie Eva bewies, keineswegs nur in Form eines dicken Arbeitsjankers.

Dann ging es endlich an die Reben. Eine halbe Stunde lang wurde geschnitten, gesammelt und getragen. Die Schere lag manchen offenkundig ebenso sicher in der Hand wie sonst das Weinglas. Andere entwickelten einen Ehrgeiz, den man bei einer gemütlichen Nachmittagsveranstaltung vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. Schließlich war dies keine bloße Beschäftigungstherapie, sondern ein Wettbewerb, und der Gedanke an den ausgelobten Preis setzte offenbar zusätzliche Kräfte frei.

Nach getaner Arbeit mussten die Ergebnisse ausgewertet werden. Kurt erklärte vorsorglich, dass er selbst nicht gezählt habe und daher für allfällige Rechenfehler keinerlei Verantwortung übernehme. Für ihn seien lediglich die Ergebnisse einer Excel-Tabelle maßgebend. Damit hatte sich der Präsident noch vor Bekanntgabe des Resultats gegen sämtliche möglichen Einsprüche abgesichert.

Zunächst sah alles nach einem reinen Triumph der Damen aus. Den dritten Preis errangen Eva und Brigitte mit 19 kleinen Kübeln. Auf den zweiten Platz kamen Elisabeth und Karin mit 20 kleinen Kübeln. Den ersten Preis holten schließlich Birgit und Michael. Auch sie brachten insgesamt 20 Kübel ein, allerdings 13 kleine und sieben große – womit sie nach allen Regeln der Weinlese-Mathematik die eindeutigen Sieger waren. Die energische Aufforderung „Workers work!“ hatten sie offenbar besonders ernst genommen.

Als Preise warteten ausgezeichnete Tropfen des Hauses Wolff. Peter stellte uns unter anderem einen Grünen Veltliner aus der Sieveringer Agnesgasse vor, der zum Landessieger gekürt worden war. Die Namen mehrerer Weine des Hauses, darunter „Konstantin“, erinnern übrigens an die Enkelkinder der Familie Wolff.

Damit wir unsere Kübel auch mengenmäßig einordnen konnten, lieferte Peter noch eine wichtige Faustregel: Aus 1.000 Kilogramm Trauben entstehen ungefähr 700 Liter Wein. Wie viele Flaschen einmal unmittelbar auf unsere halbstündige Tätigkeit zurückzuführen sein werden, ließ sich allerdings nicht feststellen.

Auf deren Fertigstellung mussten wir glücklicherweise nicht warten. Wein bekamen wir zur Genüge, dazu Brot und verschiedene Aufstriche. Für das leibliche Wohl war somit bestens gesorgt, und der eben erst gelesene Gemischte Satz durfte in aller Ruhe den vorgeschriebenen Weg von der Traube bis ins Glas antreten.

Zum Abschluss dankte Kurt Peter Wolff herzlich für seine Gastfreundschaft. Für das herrliche Ambiente könne Peter zwar nichts, meinte er, denn dafür sei schließlich die Natur verantwortlich. Für alles andere aber sehr wohl.

So endete das erste Weinlesefest der Österreichisch-Britischen Gesellschaft, wie man es sich besser kaum hätte wünschen können: bei schönem Wetter, mit gefüllten Kübeln und reichlich Wein. Der am Vormittag vorsorglich erwähnte abgefüllte Trost wurde tatsächlich in Anspruch genommen – allerdings nicht wegen des Regens, sondern weil Weinlesen durstig macht.

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