Gabriel Felbermayr über Österreichs Wirtschaftspolitik
(Fotos: © Wolfgang Geißler und Wolfgang Menth-Chiari)

Von Wolfgang Geißler

Österreichisch-Britische Gesellschaft · 1. September 2026

Die Einladung hatte es in sich: sinkende Wettbewerbsfähigkeit, schwache Exporte, steigende Arbeitslosigkeit und eine Regierung, der vor den großen Reformen der Mut fehle. Unter der Frage „Geht die Bundesregierung wirtschaftlich den richtigen Weg?“ hatte die Österreichisch-Britische Gesellschaft Gabriel Felbermayr, den Direktor des WIFO, in den Human Rights Space der Diplomatischen Akademie gebeten. Wer die Ankündigung gelesen hatte, durfte eine recht ungemütliche Bestandsaufnahme erwarten.

Der Saal war voll. ABS-Vizepräsident Alexander Christiani eröffnete den Abend mit einem Scherz über die Kunst, weniger Sessel aufzustellen, als Anmeldungen vorliegen: Werden dann welche dazugestellt, sieht es besonders gut aus. Rund vier Jahre nach Felbermayrs letztem Besuch stand wieder die Krise auf dem Programm. Christiani verwies auch auf Stockers Fernsehauftritt am Vorabend: Durchaus zukunftsweisende Vorschläge seien umgehend auf heftige mediale Kritik gestoßen. Christiani sprach den Zweifel aus, ob sich die großen Reformen bei Pensionen und Gesundheit unter den Bedingungen der Koalition und des österreichischen Föderalismus überhaupt durchsetzen ließen.

Felbermayr verzichtete auf das Mikrofon, um sich beim Sprechen frei bewegen zu können. Er wollte Zahlen zeigen und anschließend ausreichend Zeit für Fragen lassen. Gleich zu Beginn kündigte er eine ehrliche Antwort an. Dazu müsse man allerdings wissen, welche Schwierigkeiten die Regierung selbst beheben könne und welche ihr von außen auferlegt würden. Österreich sei eine kleine, offene Volkswirtschaft. Dieser vertraute Lehrsatz sollte im Lauf des Abends eine sehr konkrete Bedeutung bekommen.

An den Handelswegen im Nahen Osten ließ sich das besonders anschaulich zeigen. Felbermayr beschrieb, wie die Behinderung der Schifffahrt durch die Straße von Hormus und das Rote Meer bis in österreichische Betriebe hineinwirkt. Schiffe nehmen längere Wege, Versicherungen werden teurer, Transporte kosten mehr. Selbst eine politische Entspannung stelle den früheren Zustand nicht sofort wieder her. Solange Reeder und Versicherer mit einem Angriff rechnen müssten, bleibe das Risiko im Preis. Eine diplomatische Erfolgsmeldung und eine wirtschaftliche Normalisierung sind eben zweierlei.

Beim Erdgas komme eine besondere Schieflage hinzu. Die Vereinigten Staaten seien als Nettoexporteur weitgehend vor jener Verteuerung geschützt, die Europa und Asien belaste. Ihre zusätzlichen Exportmöglichkeiten seien durch die verfügbaren Verflüssigungskapazitäten begrenzt. Die Nachfrage aus dem Ausland könne daher nicht beliebig mehr Gas vom amerikanischen Binnenmarkt abziehen. Österreich müsse hingegen auf einem angespannten Weltmarkt einkaufen. Wer die heimische Teuerung allein am Ballhausplatz erklären wolle, übersehe einen wesentlichen Teil ihrer Ursachen. Dass Washington zugleich europäische Unterstützung für seine Iranpolitik verlange, müsse vor diesem Hintergrund gesehen werden: Europa und Asien trügen durch die höheren Gaspreise bereits einen beträchtlichen Teil der wirtschaftlichen Last.

Ähnlich differenziert fiel sein Blick auf die amerikanischen Zölle aus. Österreich werde durch seine Industriestruktur besonders getroffen, etwa durch den hohen Anteil des Maschinenbaus und die Verwendung von Stahl und Aluminium. Für österreichische Warenexporte in die USA nannte er nach dem Datenstand vom Juni 2026 eine durchschnittliche tatsächliche Zollbelastung von 9,5 Prozent, gegenüber 7,6 Prozent für die EU insgesamt. Hinzu komme die Unsicherheit: Unternehmen müssten heute investieren, ohne zuverlässig zu wissen, welche Bedingungen morgen gelten. Die Drohung mit einem hohen Zoll könne deshalb bereits Schaden anrichten, bevor er tatsächlich eingehoben werde. Die Lücke zwischen Trumps Ankündigungen und den effektiv bezahlten Zöllen mache die Lage keineswegs berechenbarer.

Auch die wachsende internationale Verschuldung beschäftigte Felbermayr. Er warnte vor den Folgen steigender Zinsen und vor Risiken, die sich aus den engen finanziellen Verflechtungen mit den USA ergeben. Europäisches Geld stecke in amerikanischen Staatsanleihen, Unternehmen und im Boom rund um künstliche Intelligenz. Komme es dort zu schweren Verwerfungen, blieben die Verluste nicht auf Amerika beschränkt. Er äußerte zudem die Sorge, die USA könnten den Zugang zu ihrem Markt mit Forderungen nach dem Kauf amerikanischer Staatsanleihen verknüpfen. Österreichs Finanzminister müsse mit Zinsen leben, die wesentlich außerhalb Österreichs bestimmt würden.

Ein konkretes Beispiel lieferte Deutschland. Felbermayr führte einen Teil des Anstiegs langfristiger Zinsen auf die im März 2025 angekündigte Lockerung der deutschen Schuldenbremse zurück. Weil deutsche Staatsanleihen im europäischen Markt eine zentrale Rolle spielten, habe sich dieser Effekt auch auf Österreich übertragen. Teurere Finanzierung treffe zudem Unternehmen und ihre Investitionen. Entscheidungen in Berlin könnten somit die Finanzierungskosten in Wien erhöhen, ohne dass die österreichische Regierung daran beteiligt gewesen sei.

Bis hierher ließ sich vieles als Entlastung der Bundesregierung verstehen. Dann legte Felbermayr den Finger auf den wunden Punkt: Trotz Kriegen, Zöllen und Unsicherheit wachse der Welthandel weiter. Andere Volkswirtschaften kämen voran. Auch innerhalb derselben Europäischen Union, unter denselben handelspolitischen und klimapolitischen Rahmenbedingungen, entwickelten sich Länder sehr unterschiedlich. Warum tat sich Österreich so schwer? Die internationalen Krisen erklärten viel, aber die österreichischen Schwächen blieben damit noch lange nicht erklärt.

Auch die Stimmung war für ihn ein wirtschaftlicher Faktor. In den von ihm gezeigten europäischen Konjunkturbefragungen lagen Österreich und Deutschland seit geraumer Zeit am unteren Rand, während etwa Spanien und Portugal deutlich zuversichtlicher waren. Nach dem Überschwang im Anschluss an die Pandemie sei die Stimmung hier besonders tief gefallen. Felbermayr verwies allerdings auch auf die jüngste Verbesserung. Sein Punkt war, dass dieselben europäischen Rahmenbedingungen sehr unterschiedliche Erwartungen hervorbrächten.

Dabei widersprach er auch der Behauptung, Österreich habe seit der Zeit vor Corona überhaupt kein Wachstum erzielt. Die Wirtschaftsleistung sei real gestiegen, wenn auch schwach. Pro Kopf sehe die Rechnung wesentlich ernüchternder aus, weil zugleich die Bevölkerung gewachsen sei. Noch deutlicher werde das Problem, wenn man frage, was sich mit dem erwirtschafteten Einkommen tatsächlich kaufen lasse. Ein Maschinenbauer könne für seine exportierte Maschine einen ähnlichen Preis erzielen wie früher und dafür trotzdem weniger Energie oder Rohstoffe einkaufen. So könne ein Land produzieren und dennoch Kaufkraft verlieren.

Das verbreitete Gefühl, ärmer geworden zu sein, hatte in seiner Darstellung deshalb einen realen Hintergrund. Nach der von ihm vorgestellten Prognose lägen die realen Nettolöhne je Beschäftigungsverhältnis 2027 noch etwa 1,2 Prozent unter dem Niveau von 2020. Auch die Kaufkraft des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf sei gegenüber der Vorkrisenzeit gesunken. Der Ausblick bot nur begrenzten Trost. Die im Vortrag herangezogene WIFO-Sommerprognose sah für 2026 ein Wachstum von 0,9 Prozent und für 2027 von 1,1 Prozent vor. Schon die erste dieser Zahlen hielt Felbermayr angesichts der jüngsten Entwicklung für unsicher. Für Erwartungen an einen raschen, kräftigen Aufschwung ließ er wenig Raum. Die gedämpften längerfristigen Aussichten verband er auch mit der Alterung der Gesellschaft und deren Folgen für Unternehmertum und Risikobereitschaft.

Zum Bild eines allgemeinen Niedergangs der österreichischen Industrie passten seine Daten allerdings ebenso wenig. Energieintensive Betriebe litten schwer unter hohen Kosten; in anderen Branchen, besonders in der Pharmaindustrie, sei die Lage erheblich besser. Österreich habe sich industriell seit 2015 deutlich günstiger entwickelt als Deutschland. Zuletzt habe die Industrie auch wieder Personal aufgenommen; im zweiten Quartal 2026 sei erstmals seit mehreren Quartalen ein leichter Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen gewesen. Auch der Vorsprung der Schweiz erkläre sich zu einem wesentlichen Teil aus ihrem starken Pharmasektor. Wer Länder vergleichen wolle, müsse ihre Branchenstruktur berücksichtigen. Der Verweis auf einen vermeintlich überall überlegenen Nachbarn erspare diese Arbeit nicht.

Ein weiterer Vorteil Österreichs liege in seinen engen Wirtschaftsbeziehungen zu Mittel- und Osteuropa. Dort sei die Dynamik vielfach größer als in den alten westeuropäischen Industrieländern. Das vertraute Bild, Österreich müsse bei jedem deutschen Husten gleich eine Grippe bekommen, beschreibe die Verhältnisse längst nicht mehr vollständig. Auch das gehörte zu diesem Abend: Bei aller berechtigten Sorge gab es Entwicklungen, die in der heimischen Debatte leicht untergehen.

Bei der Inflation hielt Felbermayr der Regierung zugute, dass ihre Maßnahmen die Teuerung tatsächlich dämpften. Über die Zweckmäßigkeit einzelner Eingriffe, etwa der Mehrwertsteuersenkung auf Lebensmittel oder der Spritpreisbremse, könne man streiten. Ihre preisdämpfende Wirkung müsse in einer fairen Beurteilung jedoch berücksichtigt werden. Ohne diese Eingriffe wäre die Inflation seiner Einschätzung nach um rund drei Viertel eines Prozentpunkts höher. Im von ihm gezeigten Vergleich habe Österreich im Juli sogar unter dem Euroraumdurchschnitt gelegen. Zugleich erinnerte er daran, dass Österreichs überdurchschnittliche Inflation ein längeres Vorspiel habe. Frühere wirtschaftspolitische Musterschüler müssten zur Kenntnis nehmen, dass Länder Südeuropas nach ihren Krisen Veränderungen vorgenommen hätten, an denen es hier gefehlt habe.

Bei den Energiepreisen sah Felbermayr hingegen sehr wohl politische Verantwortung. Er nannte die österreichische Strommarktordnung und kritisierte besonders den deutschen Atomausstieg. Durch den Wegfall von Kernkraftkapazitäten in Süddeutschland steige der Bedarf an Strom aus den Nachbarländern; das wirke auch auf die österreichischen Preise. Zusammen mit dem Ende billigen russischen Pipelinegases belaste dies vor allem energieintensive Betriebe. Seine Entlastung der Regierung gegenüber äußeren Krisen war also keineswegs eine Entlastung sämtlicher energiepolitischer Entscheidungen.

Deutlich enger wurde der Spielraum bei den Staatsfinanzen. Felbermayr anerkannte die bisherigen Sparanstrengungen. Ohne sie wäre die Lage schlechter. Nach dem im Vortrag erläuterten Budgetpfad sollte das jährliche Defizit erst 2028 auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung zurückgehen. Für 2027 nannte er eine weiter steigende Schuldenquote von knapp 84 Prozent. Ein kleineres jährliches Defizit bedeute eben noch keinen sinkenden Schuldenberg. Bei wieder wachsender Wirtschaft müsse man die öffentlichen Finanzen konsolidieren.

Wie teuer die veränderte Zinslage geworden sei, verdeutlichte er mit einem Vergleich: Zinsausgaben von etwa vier Milliarden Euro im Jahr 2022 stellte er einer Größenordnung von rund elf Milliarden gegenüber. Diese zusätzliche Belastung von sieben Milliarden müsse im Budget erst einmal aufgefangen werden. Auch wenn Zinszahlungen teilweise an heimische Anleger zurückflössen, schränkten sie den staatlichen Handlungsspielraum ein.

Ähnlich aufschlussreich war die Unterscheidung zwischen Beschäftigung und tatsächlich geleisteter Arbeit. Mehr Beschäftigungsverhältnisse bedeuteten nicht automatisch mehr Arbeitsstunden. Nach den von Felbermayr gezeigten Zahlen standen rund fünf Prozent mehr Beschäftigungsverhältnissen etwa ein halbes Prozent weniger Arbeitsstunden gegenüber als vor der Krise. Zugleich sei die Bevölkerung um 3,8 Prozent gewachsen. Mehr Menschen benötigten Wohnungen, Pflege, medizinische Versorgung und andere Dienstleistungen. Er sah darin einen grundlegenden Druck auf Preise und soziale Sicherungssysteme. Als Gegenmaßnahmen nannte er eine Senkung der Lohnnebenkosten und Anreize für ältere Beschäftigte. Die Arbeitslosigkeit sei angesichts der langen Schwächephase historisch vergleichsweise begrenzt geblieben. Auch ihren jüngsten Anstieg müsse man genauer betrachten: Einen erheblichen Teil führte er auf die schrittweise Anhebung des Frauenpensionsalters und die dadurch veränderte Zusammensetzung des Arbeitsmarkts zurück.

An politisch heiklen Themen ging Felbermayr nicht vorbei. Beim Ziel der Klimaneutralität bis 2040 bezweifelte er, dass der eingeschlagene Pfad zum angekündigten Ergebnis führe, und verlangte mehr Realismus. Vor allem aber machte er klar, wie viel bei Pensionen, Gesundheit und Pflege offenbleibe. Die vom Bundeskanzler vorgebrachten Ideen für einen Zukunftsfonds und ergänzende Vorsorge enthielten vernünftige Ansätze. Angesichts der Dimension des Pensionsproblems sprach er allerdings von „Homöopathie“. Die staatlichen Zuschüsse zum öffentlichen Pensionssystem bezifferte er auf rund 32 bis 33 Milliarden Euro jährlich. Von einer Reform, die diese wachsenden Zuschüsse spürbar begrenze, sei man weit entfernt. Zusätzliche Belastungen bei Gesundheit und Pflege kämen erst noch auf das Land zu. Deshalb regte er an, die Idee einer kapitalgedeckten Vorsorge auch für die Pflege zu prüfen.

Seine Antwort auf die Ausgangsfrage fiel damit abgestuft aus. Die Regierung sei in manchen Bereichen auf Kurs, in anderen nicht. Das Glas sah er eher halb voll. „Sie schlägt sich deutlich besser, als die öffentliche Wahrnehmung zulässt“, lautete sein Urteil. Gerade weil er zuvor die ungelösten Aufgaben so deutlich benannt hatte, ließ sich dieser Satz schwer als bloße Regierungsfreundlichkeit abtun.

In der anschließenden Fragerunde wurden die Folgen dieser Analyse noch konkreter. Den Anfang machten die amerikanischen Forderungen nach niedrigeren Medikamentenpreisen. Felbermayr erklärte, wie eine Orientierung an niedrigen Vergleichspreisen im Ausland ausgerechnet Länder mit geringer Kaufkraft treffen könne. Hersteller hätten einen Anreiz, dort Rabatte zu verringern oder Preise anzuheben, damit diese Märkte den Preis in den USA nicht nach unten zögen. Die Verflechtung der Märkte zeigte sich hier aus einer anderen, für Patienten durchaus unangenehmen Perspektive.

Beim Fachkräftemangel unterschied Felbermayr zwischen der gegenwärtigen Lage und dem längerfristigen Bedarf: Derzeit sei für viele Betriebe der Mangel an Nachfrage das größere Hindernis. Auf längere Sicht werde die Knappheit qualifizierter Arbeitskräfte jedoch immer drängender. Menschen, deren Arbeitsplätze in der Industrie wegfielen, brauche man anderswo dringend. Umschulung und Weiterbildung müssten diesen Übergang ermöglichen. Deshalb sei es wichtig gewesen, Kürzungswünsche beim AMS-Budget abzuwehren und die Qualifizierung zu stärken. Zugleich müsse Österreich international aktiv um geeignete Arbeitskräfte werben. Sie kämen nicht allein deshalb, weil man sie hier benötige.

Ein anschauliches Beispiel hatte er von österreichischen Berghütten mitgebracht. Dort seien ihm Arbeitskräfte aus Nepal begegnet, die zuvor in Hotels in Katar oder Dubai gearbeitet hätten und von dort angeworben worden seien. Österreich könne ihnen bessere Rechte und Arbeitsbedingungen bieten. Darin sah er einen konkreten Vorteil im Wettbewerb um Arbeitskräfte. Solche Ansätze müsse man ausweiten; auch zeitlich begrenzte steuerliche Anreize brachte er ins Gespräch.

Besonders eindringlich wurde er bei der Bildung. Als Warnzeichen nannte er Berichte über Qualifikationsprobleme bei Bewerbern für die Wiener Polizei und ähnliche Erfahrungen von Lehrlingsbetrieben. Er sprach unzureichende Deutschkenntnisse im Schulbereich ausdrücklich an. Verbesserungen durch Bildungsreformen würden vielfach erst nach zehn oder fünfzehn Jahren wirksam. Gerade deshalb müsse man handeln. Migration, schulische Integration und die Anwerbung qualifizierter Menschen müssten offen besprochen werden können. Die politische Polarisierung erschwere gerade jene sachliche Diskussion, die dafür nötig sei. Felbermayr verlangte dabei auch eine Willkommenskultur für Menschen, die Österreich als Arbeitskräfte gewinnen wolle.

Eine weitere Frage galt dem Vergleich mit früheren Budgetkonsolidierungen, insbesondere um das Jahr 2000. Felbermayr verwies auf die inzwischen stärkere Alterung der Gesellschaft und auf Ausgaben, die bei Pensionen, Pflege und Gesundheit auch ohne neue politische Beschlüsse zunähmen. Zugleich könne man heute etwa beim Bundesheer nicht mehr so sparen wie damals. Die Reformbereitschaft werde zusätzlich durch eine älter werdende Wählerschaft beeinflusst. Wer kurz vor der Pension stehe, habe verständlicherweise andere Interessen als jemand, der das System noch jahrzehntelang finanzieren müsse. Damit stellte sich auch die Frage, wie die Anliegen der Jungen stärker zum Tragen kommen könnten.

Aus dem Publikum kam dann ein entschiedener Einwand: Im Land gebe es durchaus Menschen, die ein Handwerk erlernen und etwas leisten wollten. Man müsse sie motivieren, ihnen Möglichkeiten zeigen und praktisch helfen. Felbermayr nahm diesen Gedanken auf. Ausgerechnet der Universitätsprofessor kritisierte die Überakademisierung und warb für eine stärkere Orientierung der Ausbildung am tatsächlichen Bedarf. Viele Handwerksberufe ermöglichten nach den von ihm angeführten Lohnstatistiken höhere Lebenseinkommen als manche akademischen Berufe. Bei der Renovierung seines Hauses in Oberösterreich habe er selbst hervorragende junge Handwerker erlebt, die gerne arbeiteten und gut verdienten. „Das Land ist nicht so kaputt, wie es manchmal behauptet wird.“ Dieser Satz bekam durch das konkrete Beispiel Gewicht.

Die Frage nach der Geldpolitik führte zurück zu den Grenzen nationalen Handelns. Ein Teilnehmer schilderte die Belastung des Wohnbaus durch hohe Zinsen und fragte, welchen Sinn Zinserhöhungen bei einer überwiegend importierten Inflation hätten. Felbermayr erklärte, dass Notenbanken einen vorübergehenden Preisschock zunächst durchlaufen lassen könnten. Sobald sich höhere Inflation aber in den Erwartungen von Unternehmen und Beschäftigten festsetze, müssten sie reagieren. Seine Kritik an der europäischen Geldpolitik galt dem Zeitpunkt und dem Ausmaß: Sie habe zu spät und dann zu heftig gehandelt. Hinzu seien österreichische Regulierungsfehler gekommen. Die strengen Vorgaben für Wohnbaukredite im Rahmen der KIM-Verordnung seien aus seiner Sicht zur Unzeit verschärft worden. Auch bei Kapitalpuffern für Immobilienkredite verlangte er eine bessere Unterscheidung zwischen Wohnbau und Gewerbeimmobilien.

Eine besonders lebensnahe Frage traf den Widerspruch beim längeren Arbeiten. Wie passe die Forderung nach einem höheren Pensionsalter dazu, dass Unternehmen ältere Beschäftigte möglichst früh loswerden wollten? Ein höheres tatsächliches und später auch gesetzliches Pensionsantrittsalter hielt Felbermayr längerfristig für notwendig. Zugleich gab er dem Einwand recht: Ein größeres Angebot älterer Arbeitskräfte müsse auf entsprechende Nachfrage treffen. Darüber hinaus brauche es bessere Gesundheitsvorsorge und Arbeitsbedingungen, die längere Erwerbstätigkeit überhaupt zuließen. Dabei unterschied er zwischen der hohen Lebenserwartung und den Jahren, die Menschen tatsächlich gesund verbrächten. Auch die stark an der Seniorität ausgerichteten Gehaltsstrukturen müssten diskutiert werden. Die Forderung von Arbeiterkammer und Gewerkschaften, diese Fragen gemeinsam zu betrachten, hielt er ausdrücklich für berechtigt.

Die letzte Frage griff die Gefahr steigender Anleihezinsen auf. Wenn neue Papiere höhere Erträge böten, verlören ältere Anleihen mit niedriger Verzinsung an Marktwert. Welche Folgen hätte das für ihre Besitzer? Felbermayr bestätigte das Risiko. Die Banken bereiteten ihm dabei weniger Sorge als sogenannte Schattenbanken und Teile des Versicherungssektors, für die andere Aufsichtsregeln gälten. Der Blick auf die Staatsverschuldung führte damit zum Schluss der Diskussion wieder zu den möglichen Folgen für das gesamte Finanzsystem.

Alexander Christiani griff im Schlusswort die Ausgangsfrage wieder auf. Der Vortrag habe gezeigt, wie notwendig eine differenzierte Beurteilung sei. Zugleich beschrieb er Österreichs Neigung zur „Selbstfesselung“: Auch vernünftige Vorschläge und mühsam erzielte Kompromisse würden rasch durch das parteipolitische Kräftemessen und eine vorwiegend negative öffentliche Darstellung entwertet. Eine pauschale Medienschelte wollte er dabei ausdrücklich vermeiden. Er fragte aber nach der Grundlage ständig wiederholter Aussagen über verlorenes Vertrauen und warnte vor einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Er verband das mit einer Forderung an die Regierung selbst. Sie müsse der Bevölkerung offen sagen, was nötig sei, auch wenn es unangenehm werde. Vertrauen lasse sich kaum gewinnen, wenn man vor den Schwierigkeiten sprachlich ausweiche.

Zum Abschluss dankte Alexander Christiani Felbermayr für seinen Vortrag und dem Publikum für die interessanten Fragen. In Anlehnung an Bundeskanzler Stocker verband er seinen Abschied mit einem Appell: „Trotz allem glauben wir an dieses Land, glauben wir an die Möglichkeit des Fortschritts.“

Die wundersame Weinvermehrung durch unseren Präsidenten

Mit diesem Appell endete der offizielle Teil des Abends. Wie gewohnt strömten die Mitglieder nun ins Vestibül, um sich mit Wein und Brötchen zu laben. Und diesmal traf das Verbum „strömten“ den Vorgang genau.

Aber, oh Schreck: Für über sechzig durstige Kehlen standen gerade einmal drei Flaschen Weißwein und drei Flaschen Rotwein bereit. Nach einem Abend über wirtschaftliche Engpässe hätte man sich beim Ausschank etwas weniger Anschauungsunterricht gewünscht.

Kein Wunder also, dass viele, allzu viele enttäuscht und notgedrungen auf Wasser umsteigen mussten. Der Autor dieser Zeilen hatte gerade noch Glück: Er ergatterte das allerletzte Lackerl Weißwein, unmittelbar vor der Nase unseres Präsidenten Kurt Tiroch. Das sei hier der Vollständigkeit halber eingestanden.

Die Bedienung hatte den Durst der Gesellschaft offenbar erheblich unterschätzt. Der Wein war aus; dafür schäumte nun der Präsident. Und als wäre dies nicht genug, ging auch noch das Wasser zur Neige.

Doch während sich die enttäuschte Gesellschaft um die verbliebenen Wasservorräte scharte, erschien unser Präsident mit drei Weinflaschen in den Armen. Kurz hinter ihm folgte der Kellner, ebenfalls mit etlichen Flaschen beladen. Die Versorgungslage hatte sich binnen Augenblicken grundlegend gebessert.

Die eben noch um Wasser anstehenden Mitglieder ließen Wasser Wasser sein und stürzten sich auf den Wein.

Und in diesem Moment fiel der Ausruf: „Wundersame Weinvermehrung!“

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