Von Wolfgang Geißler · 4. Oktober 2026
(Fotos: © Wolfgang Geißler)
Baden besitzt jene stille Würde, die einer Stadt bleibt, wenn ihre große Zeit längst Geschichte geworden ist. Der Kaiser kommt nicht mehr zur Sommerfrische, der Hof ist verschwunden, und die Kutschen gehören einer anderen Welt an. Geblieben sind die Häuser und Gärten, die Biedermeierfassaden und die Erinnerung an eine Gesellschaft, die hier für einige Wochen den Sorgen Wiens entkommen wollte. Schon die Römer schätzten die warmen Schwefelquellen, deren Geruch nach faulen Eiern uns auf Schritt und Tritt begleitete. Unter Kaiser Franz I. wurde Baden zur kaiserlichen Sommerresidenz; Mozart schrieb hier sein „Ave verum corpus“, Beethoven arbeitete an seiner Neunten. Man geht durch diese Stadt und begegnet immer wieder einer Vergangenheit, die sich erfreulich wenig darum kümmert, dass sie vergangen ist.
An diesem Sonntag, dem 4. Oktober, zeigte sich Baden im herrlichsten Herbstlicht. Ein glorreicher Tag für unseren Kulturausflug. Einige von uns reisten mit der Badner Bahn von der Oper bis zum Josefsplatz: eine durchaus angemessene Annäherung an die alte Kaiserstadt, mit genügend Zeit, Wien hinter sich zu lassen. Von dort ging es zum Rathaus am Hauptplatz, wo sich unsere Gesellschaft zur Führung durch das Fotofestival La Gacilly-Baden Photo versammelte. Das diesjährige Motto hätte für uns kaum passender sein können: „SO BRITISH!“ In seiner neunten Ausgabe zeigt das Festival rund 1.500 großformatige Fotografien entlang einer sieben Kilometer langen, frei zugänglichen Open-Air-Galerie.
Kurt Tiroch begrüßt die Gesellschaft
Unser Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch begrüßte die Gesellschaft und dankte allen für ihr Kommen. Kurz vor dem Ende des Festivals hatten wir noch einen der letzten Führungstermine bekommen. Wir würden uns auf die britische Fotografie konzentrieren: Rund neunzig Minuten waren dafür vorgesehen, statt der vier Stunden für die gesamte Ausstellung. Danach sollte eine Stärkung im Doblhoffpark folgen. Kurt freute sich über das herrliche Wetter, wünschte uns einen schönen Nachmittag und übergab das Wort an Festivalleiter Lois Lammerhuber.
Lois Lammerhuber führt in das Festival ein
Festivalleiter Lois Lammerhuber nahm den Ball mit sichtlichem Vergnügen auf. Seine Einführung erklärte, wie aus einer Begegnung mit einem kleinen bretonischen Ort dieses große Badener Unternehmen wurde:
„Vielen Dank für die freundliche Begrüßung. Mit dem Termin war es natürlich ganz anders: Es gab nur noch einen Termin, also nehmen! Und selbstverständlich habe ich sofort gesagt: Ja, ich nehme gerne. Denn natürlich freut es mich, dass die Österreichisch-Britische Gesellschaft hier in Baden zu Gast ist. Das ist etwas ganz Besonderes.“
Bereits zur Eröffnung, berichtete Lammerhuber, sei die britische Botschafterin Lindsay Skoll gekommen. In der Woche vor unserem Besuch habe auch Chris Dain, der stellvertretende Leiter der britischen Botschaft in Wien, den Rundgang gemacht und Baden kennengelernt. Er habe sich, so Lammerhubers Eindruck, sehr wohlgefühlt. Aber der Höhepunkt kommt heute selbstverständlich!
Und es wird auch eine Ausstellung in einem Innenraum geben. Ausnahmsweise gibt es eine solche Ausstellung, die sehr speziell ist und nach etwa dem ersten Drittel auf uns zukommt.
Nachdem Sie zwar schon in Baden waren, aber noch nicht Teil einer Führung durch das Festival, ein paar ganz kurze Anmerkungen vorneweg. Das ist die Zusammenarbeit mit einem Festival in der Bretagne, in La Gacilly, einem ganz kleinen Ort mit zweitausend Einwohnern, der dieses Festival heuer zum dreiundzwanzigsten Mal macht. Gemeinsam machen wir es zum neunten Mal.
Warum machen wir es gemeinsam? Weil ich vor zehn Jahren zum ersten Mal in La Gacilly war und gesehen habe, was die dort treiben. Ich war so begeistert, dass ich gedacht habe: Wir lassen ein Festival reisen. Mittlerweile hat sich die Zusammenarbeit so entwickelt, dass wir dieses Festival gemeinsam kuratieren. Diese Auswahl ist zuerst in La Gacilly zu sehen und ein Jahr später bei uns. Das betrifft ungefähr zwanzig Ausstellungen. Baden ist ein bisschen größer, daher brauchen wir mehr Stoff. Wir haben fünfunddreißig, sechsunddreißig, siebenunddreißig Ausstellungen.
Die Zusammenkunft, bei der wir herausfinden, was wir tun, findet immer Ende Oktober statt, also demnächst. Wir entscheiden die Themensetzung entlang eines Manifests, das sich aus drei Erzählsträngen speist.
Der erste gilt der Conditio humana, den Lebensumständen der Menschen, mit einer jährlich wechselnden geografischen Ausrichtung. Wir untersuchen diese Lebensumstände mit Reportage- und Dokumentarfotografie. Das kann ein ganzer Kontinent sein oder ein Land wie das Vereinigte Königreich.
Der zweite Erzählstrang ist dem Zustand des Planeten Erde gewidmet, heuer mit dem Schwerpunkt Wasser. Der dritte ist der Fotografie selbst gewidmet. Natürlich haben die anderen beiden auch mit Fotografie zu tun. Aber heuer steht die Fotografie ganz besonders im Zentrum, und auch im nächsten Jahr. In Frankreich wurde ein Jahr der Fotografie ausgerufen, von diesem September bis zum nächsten September.
Der Grund ist, dass Joseph Nicéphore Niépce vor rund zweihundert Jahren ein Bild dauerhaft fixieren konnte: den Blick aus seinem Arbeitszimmer auf den Hinterhof. Ein sehr verhuschtes Bild, aber nichtsdestotrotz geschichtsträchtig und wichtig.
Eine weitere entscheidende Zäsur war 1839. In Frankreich erkannte man, dass die Fotografie ein Paradigmenwechsel für unsere Gesellschaft ist. Die bisherige visuelle Beschreibung der Welt können Sie im Kunsthistorischen Museum, im Louvre, in der National Portrait Gallery oder wo immer besichtigen. Aber sie zeigt uns die Welt aus dem Blick ihrer damaligen Auftraggeber.
Am 19. August 1839 wurde das fotografische Verfahren von Louis Daguerre öffentlich erläutert. Frankreich hatte die Rechte erworben und das Verfahren öffentlich bekannt gemacht. Stellen Sie sich vor, eine Universität würde heute zu X oder zu Meta gehen, die Rechte an der künstlichen Intelligenz kaufen und sie der Welt schenken. So war das, nur zeitlich versetzt. Die Welt war vor zweihundert Jahren ja genauso komplex wie unsere, nur unter anderen Rahmenbedingungen. Das war ein enorm hellsichtiger, zukunftsorientierter Blick.
Dann ging es dahin mit der Beschreibung der Welt. Meistens vom Mittelstand nach unten; vom Mittelstand nach oben ist die Welt weniger beschrieben, denn diese Menschen haben sich immer abgeschottet. Heute fotografieren alle und legen ihre Bilder dort ab, wo sie scheinbar sicher sind. Vielleicht wird die künstliche Intelligenz eines Tages ein Werkzeug bieten, diese Bilder so auszuwerten, dass wir uns einen Bogen von dreihundert, vierhundert, fünfhundert Bildern anschauen können, der die Welt zeigt, wie wir sie bisher nicht kennen.
Denn das Bild der Welt, das wir teilen, ist sehr stark angelsächsisch geprägt. Schauen Sie sich an, wie unsere Nachrichten aufgebaut sind. Wann kommen dort die Philippinen vor, Japan oder Kamerun? So gut wie gar nicht. Es kommen wir vor, Amerika, Großbritannien, Frankreich, Zentral- und Westeuropa. Das ist unser Blick auf die Welt. Und diesen Blick betreiben wir hier natürlich auch.
Die Wahl fiel auf das Vereinigte Königreich. Das war ein sehr einfacher Vorgang: Das haben wir noch nicht gehabt, also machen wir es. Die nächste Runde war schon komplexer. Was fällt uns zu England ein? Die Beatles und so weiter. So haben wir diskutiert.
Ich habe dann gesagt: Wir haben die Fußballweltmeisterschaft, und England ist schließlich das Mutterland des Fußballs. Da saß ich, ein Österreicher, drei Französinnen gegenüber und wurde mit völligem Unverständnis angeschaut. Schließlich haben wir den Fußball ein wenig verlagert. Oben beim Casino gibt es eine wunderbare Ausstellung, zu der wir bei unserem Rundgang nicht kommen. Wer ein Faible für Fußball hat, sollte dort vorbeigehen.
Mike Taylor heißt der Fotograf. Er hat Fußball auf ganz ungewöhnliche Weise fotografiert, nämlich in britischen Pubs. Man sieht keinen Fernseher, keinen Fußball und keinen Fußballspieler, sondern nur die Reaktionen der Menschen. Man erfährt, wie das Pub heißt, gegen wen England gespielt hat und wie das Ergebnis war. Dann wissen Sie alles. Das sind wirklich hinreißend emotionale Bilder.
Dann ging es konsensual weiter, bis ich wieder etwas vorgeschlagen habe: Vivienne Westwood. Da war eine ganz lange Pause. Mode, lieber Lois, Mode! Aber ich hatte sie vorgeschlagen, weil sie mit dem, was sie tat, weit über die Mode hinausreichte. Sie stellte gesellschaftliche Positionen infrage. Gemeinsam mit anderen entstand eine Bewegung, die sich Punk nennt. Das war ein Infragestellen herrschender gesellschaftlicher Positionen.
Und das schauen wir uns als Erstes an. Die österreichische Verbindung heißt Andreas Kronthaler. Die beiden sind wichtig, wenn wir verstehen wollen, welche Wirkung Vivienne Westwood erzeugt hat. An diesen beiden Charakteren lässt sich wunderbar betrachten, wie Kreativität entsteht.“
Menschen und Bilder auf unserem Weg
Damit waren wir mitten im Rundgang. Lammerhuber verstand es, uns vor einem Bild so lange festzuhalten, bis wir auch jene Einzelheiten bemerkten, an denen wir allein vermutlich vorbeigegangen wären. Und er erzählte von Menschen, die er persönlich kennt. Das gab seiner Führung eine Nähe, die kein Ausstellungstext ersetzen kann.
Bei Esther Haase begegneten wir zunächst Vivienne Westwood und Andreas Kronthaler. Westwood, meinte Lammerhuber, habe bei aller Radikalität ihrer Entwürfe als Person erstaunlich zurückgenommen gewirkt. Haases sorgfältig inszenierte Aufnahmen von Kronthaler führten uns dagegen vor, wie genau ein öffentliches Erscheinungsbild geplant werden kann. Dann schlug die Fotografin eine Außenaufnahme vor. Der Wind erfasste seinen Kilt, und die kontrollierte Pose wich für einen Augenblick einer sehr viel menschlicheren Szene. Auch die Modewelt ist den Launen des Wetters ausgeliefert.
Besonders berührend waren Haases Bilder aus der Serie „Rock ’n Old“, die alte Menschen in den Kostümen von Studierenden aus Westwoods Berliner Modeklasse zeigen. Eine Haute-Couture-Kollektion für Achtzig- und Neunzigjährige: Schon der Gedanke verdient Aufmerksamkeit. Lammerhuber beschrieb, was das für Menschen bedeutet, die im öffentlichen Leben kaum mehr vorkommen. Plötzlich sind sie die Hauptpersonen. Sie werden geschminkt, angekleidet und mit jener Sorgfalt behandelt, die sonst einem berühmten Model zukommt. In ihren Gesichtern sahen wir Freude und Würde, gelegentlich auch Unsicherheit. Eine ältere Dame, auf ein Dach hinaufgebracht und dort für die Aufnahme vorbereitet, wurde für diese Stunden zur Königin. Lammerhuber fragte, was dabei wohl in ihrem Herzen vorgegangen sei. Vor diesen Bildern war die Frage sehr verständlich.
Von der Mode ging es zu Sir Brian May. Der Queen-Gitarrist ist ein leidenschaftlicher Stereofotograf und Sammler. Lammerhuber erzählte, wie er ihm 2018 bei einem Treffen im Technischen Museum in Wien begegnete. Die Vorstellung hatte eine Bedingung: Über Musik wurde nicht gesprochen. May war unter Menschen, die seine Begeisterung für räumliche Bilder teilten, und konnte auf Autogrammwünsche und Selfies verzichten. Aus dieser Begegnung entstand 2019 die Badener Präsentation der Mondlandung in 3D. Leicht versetzte Aufnahmen der Astronauten ließen sich zu räumlichen Bildern verbinden.
Heuer zeigte May die „Diableries“, fotografierte Miniaturszenen einer sehr betriebsamen Unterwelt. Teufel feiern und arbeiten, führen vor, was Menschen tun, und verspotten dabei die Gesellschaft des französischen Zweiten Kaiserreichs. Die kleinen Figuren aus Ton waren eine Möglichkeit, Kritik in ein höllisches Schauspiel zu verpacken. May und seine Mitautoren Denis Pellerin und Paula Richardson Fleming haben diese historischen Stereoaufnahmen restauriert und ihre Hintergründe erschlossen. Eine frühe Form gesellschaftlicher Satire, die ihren Witz auch nach mehr als einem Jahrhundert nicht verloren hat.
Als wir die „Diableries“ hinter uns ließen, erinnerte uns Lammerhuber an das spätere Ziel: „Naja, Sie haben nachher einen Wirtshaustisch reserviert, weil unter 4000 Schritte gibt es nichts zu essen.“ Damit war klar, dass wir uns Speis und Trank im Café-Restaurant Doblhoffpark erst verdienen mussten. Wir nahmen die Bedingung zur Kenntnis und marschierten weiter.
Bei Norbert Span wurde sichtbar, was gewöhnlich im Verborgenen bleibt. Der Wissenschaftler, bekannt für seine Fotografien von Schneekristallen, hatte Vitamine und andere Nahrungsergänzungsmittel in starken Vergrößerungen fotografiert. Was man morgens mit einem Schluck Wasser hinunterspült, erschien nun als überraschende Farb- und Formenwelt. Lammerhuber hatte den Anstoß dazu gegeben. Er wolle schließlich hundertfünf werden und sei, wie er freimütig bekannte, ein traditioneller Mann: Hypochonder, feig und empfänglich für Placebos. Die Selbsterkenntnis war jedenfalls bereits in erfreulich hoher Dosierung vorhanden.
Ein kleiner Abstecher führte zum Backhaus Annamühle und seiner 450-jährigen Geschichte. Christoph Künne hatte mithilfe künstlicher Intelligenz eine Bilderfolge geschaffen, in der heutige Mitarbeiter in historische Szenen versetzt werden. Dafür wurden Räume und Menschen fotografiert und alte Darstellungen des Bäckerhandwerks herangezogen. In Abständen von fünfundvierzig Jahren führt diese liebevoll erdachte Zeitreise durch die Jahrhunderte und schließlich bis 2076. Lammerhuber betonte ihren spielerischen Charakter: So könnte es gewesen sein. Ein augenzwinkernder Geburtstagsgruß für ein altes Badener Unternehmen.
Martin Parr führte uns wieder mitten in den britischen Alltag. Seine Bilder haben einen scharfen Blick für Gewohnheiten, gesellschaftliche Unterschiede und jene kleinen Peinlichkeiten, die sich beim genauen Hinschauen ergeben. Mit „Fashion Faux Parr“ kam die Mode noch einmal ins Spiel. Lammerhuber erinnerte an den 2025 verstorbenen Fotografen, dessen Lebenswerk in Baden 2024 mit dem „Lifetime Achievement Award“ geehrt worden war. Das Festival ist heuer ihm und Jane Goodall gewidmet. Zugleich wies er darauf hin, wie selbstverständlich die Bilder hier zum Stadtleben gehören: Auf einem gewöhnlichen Platz, auf dem Menschen einkaufen oder sitzen, begegnen sie großer Fotografie. Man braucht nur hinzuschauen.
Im Heiligenkreuzerhof erwartete uns die angekündigte Ausstellung im Inneren. Gina Sodens Fotografien verlassener Gebäude fanden hier eine bemerkenswert passende Umgebung. In ihren Bildern löst sich einstige Pracht langsam auf. Pflanzen wachsen in Räume hinein, Möbel bleiben zurück, und die Zeit arbeitet an Wänden und Decken weiter. Soden fotografiert, wie Lammerhuber erläuterte, oft in der blauen Stunde mit langen Belichtungszeiten. Der Verfall erscheint dadurch eigentümlich schön. Man könnte sich beinahe versucht fühlen, sich auf eines der verlassenen Betten zu legen. Lammerhuber riet davon ab. Wir beließen es vernünftigerweise beim Anschauen.
Auch Anna Atkins, eine Pionierin der Fotografie, hatte ihren Platz auf unserem Weg. Ihre Cyanotypien, leuchtend blaue Pflanzenbilder, erinnerten daran, dass die Fotografie schon früh der wissenschaftlichen Beobachtung diente. Bereits 1843 begann sie mit der Veröffentlichung ihres Algenwerks „Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions“, des ersten mit Fotografien illustrierten Buches. Für ihre Bilder legte sie Pflanzen direkt auf lichtempfindliches Papier; eine Kamera brauchte sie dafür nicht. Es war ein stiller, schöner Gegenpol zu manchem lauteren Motiv.
Unterwegs erfuhren wir einiges über die Arbeit hinter dem Festival. Rund 1,3 Millionen Euro, erklärte Lammerhuber, brauche es, um das Festival aufzustellen und wieder abzubauen. Dabei gehe es um Druck, Reisen und die vielen praktischen Arbeiten, die eine solche Ausstellung im öffentlichen Raum erfordert. Für die vereinbarten Werknutzungsrechte erhalte jeder Fotograf dasselbe Entgelt von 2.000 Euro. Die Wege sollen möglichst ohne eigenes Leitsystem verständlich sein und möglichst selten über befahrene Straßen führen. Auch die Klimabilanz werde genau geprüft, die verbleibenden Emissionen würden über Zertifikate ausgeglichen. Die Festival-App bietet dazu die Stimmen der Fotografen selbst, Informationen über die Ausstellungen und erfreulich praktische Hinweise bis hin zum nächsten Wirtshaus und zur nächsten Toilette.
Bei Tony Ray-Jones und Josh Edgoose ging es um die Kunst, einen flüchtigen Augenblick zu erkennen. Lammerhuber beschrieb, wie wenig Zeit ein Fotograf hat, bevor eine Kopfbewegung oder ein veränderter Gesichtsausdruck die ganze Wirkung auflöst. Ein Bild von inniger Zärtlichkeit ließ ihn an eine Madonna denken. Anderswo blickten Menschen nach oben, während darüber Flugzeuge vorbeizogen. Ein roter Doppeldecker und ein Londoner Taxi machten die Szene unverkennbar britisch. Erst beim Vergleich zweier Aufnahmen wurde deutlich, weshalb der eine Augenblick uns in das Bild hineinzog und der andere weit weniger bewirkte.
Natürlich gehörte die Rockmusik dazu. Terry O’Neill war mit den Menschen vertraut, die er fotografierte, und hielt eine Welt fest, deren Gesichter viele von uns seit ihrer Jugend begleiten. Bei David Bowie vermutete Lammerhuber, dass der Sänger Haltung, Licht und Inszenierung selbst genau vorgegeben hatte. Vor Amy Winehouses Porträt wurde sein Ton nachdenklicher. Über ihren Blick könne man manches vermuten; für ihn zeigte das Bild vor allem eine großartige Künstlerin und eine tiefe Melancholie. Wir sahen auch, wie auf einer Aufnahme der Rolling Stones ein Mann im Hintergrund den Fotografen beobachtet. Ein scheinbares Nebendetail konnte plötzlich die ganze Geschichte des Bildes verändern.
Sir Don McCullin bezeichnete Lammerhuber als das fotografische Gewissen Großbritanniens. Der Kriegsfotograf habe, so seine eigene Aussage, Moral und Humanismus im Krieg gelernt. Seine Erfahrungen hätten ihn zu einem bescheidenen Menschen gemacht, dessen Stimme weit über die Fotografie hinaus gehört werde. Neben seinen Berichten aus Krieg und Elend standen die Landschaftsbilder seines späteren Werks. Für Mary Turners Blick auf die Ränder der englischen Gesellschaft blieb angesichts der fortgeschrittenen Zeit nur ein kurzer Hinweis. Neunzig Minuten erwiesen sich bei einem solchen Erzähler als ausgesprochen dehnbarer Begriff.
Von Cig Harvey konnten wir noch zwei große Bilder näher betrachten. Sie findet ihre Motive, erzählte Lammerhuber, im Umkreis ihres Hauses in Maine. Eine Frau mit Blumen, eine andere am Wasser, den Rücken zur Kamera gewandt: Aus solchen einfachen Situationen entstehen Bilder, die lange nachwirken. Nach den vielen Erzählungen über die Welt war das eine Einladung, wieder auf das unmittelbar Naheliegende zu achten.
Mit Christian Skrein kamen wir von Großbritannien nach Österreich und zu den Beatles in Obertauern. Im März 1965 waren sie für die Dreharbeiten zu „Help!“ gekommen. Ihre Musik war längst weltberühmt; Schifahren konnten sie deshalb noch lange nicht. Dafür brauchte es einheimische Doubles. Lammerhuber erzählte von der damals keineswegs überall freundlichen Aufnahme der vier und von jenem privaten Auftritt im Hotel Marietta, der ihr einziges Konzert in Österreich blieb. Skreins Bilder hielten den improvisierten Alltag dieser Filmaufnahmen fest. Auch vor einer Kulisse des Buckingham Palace sammelten wir uns für ein Gruppenfoto. Für eine Österreichisch-Britische Gesellschaft gehört ein solcher Hintergrund wohl zu den standesgemäßen Möglichkeiten.
Den Schluss bildete Peter Dench mit seinem Blick auf die britische Gesellschaft. Wir begegneten Festen und Picknicks, Royal Ascot und den Feierlichkeiten zur Krönung von König Charles III. Lammerhuber wunderte sich mit uns, wie die Damen auf hohen Absätzen die Wiesen von Ascot bewältigen. Bewunderung für britische Haltung kann gelegentlich sehr konkrete Ursachen haben. Vor allem aber sprach er von der Lebensfreude, dem Humor und der Gelassenheit, mit der Menschen sich im öffentlichen Raum zeigen. Nach meinen vierzig Jahren in Großbritannien kam mir vieles davon erfreulich vertraut vor. Sein Schlusswort galt dieser Fähigkeit, bei allen Schwierigkeiten das Feiern nicht zu verlernen: „Chapeau auf England!“
Speis und Trank im Doblhoffpark
Schließlich erreichten wir das Café-Restaurant Doblhoffpark, wo wir uns eine wohlverdiente Rast gönnten. Hier erlaubte ich mir, in aller Bescheidenheit zu reklamieren, dass aus den angekündigten 4.000 Schritten nach meiner Zählung eigentlich 5.800 geworden waren. Kurt fand das witzig und meinte, das müsse unbedingt in den Bericht. Als Kassier nimmt man Abweichungen von fünfundvierzig Prozent eben zur Kenntnis. Unser Anspruch auf Speis und Trank war damit jedenfalls hinreichend begründet.
Ein herrlicher Herbstnachmittag in Baden, britische Bilder und Geschichten, eine Führung mit Witz und persönlichen Begegnungen hinter fast jedem Motiv. Dazu die gute Gesellschaft und am Ende ein gedeckter Tisch. Ein sehr gelungener Kulturausflug, an den wir gerne zurückdenken werden. Österreichisch-Britische Gesellschaft eben.
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