Ein Abend über Evolution, Schöpfung und Vorsehung
Bericht und theologische Reflexion zum Vortrag von Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Schreiner „Göttliches Spiel – Evolutionstheologie“, Café Ministerium, 4. Mai 2026.
(Fotos: © Wolfgang Geißler, Wolfgang Buchta)
Von Wolfgang Geißler
Eine alte Frage im Licht neuer Erkenntnis
Manche Vorträge enden nicht mit dem letzten Satz des Referenten. Sie wirken weiter, weil sie Fragen berühren, die älter sind als jede Wissenschaft und doch durch jede neue Erkenntnis wieder anders gestellt werden. Der Abend mit Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Schreiner war ein solcher Vortrag. Er führte von der Molekularbiologie zur Theologie, vom Zufall zur Frage nach dem Ziel, von der Evolution zur Vorsehung.
Der folgende Rückblick ist daher bewusst mehr als ein kurzer Veranstaltungsbericht. Er versucht, den Gedankengang des Vortrags nachzuzeichnen, die wichtigsten Fragen der Diskussion aufzunehmen und am Ende eine ergänzende theologische Reflexion anzubieten. Denn wo Naturwissenschaft und Glaube einander ernst nehmen, entsteht nicht notwendig ein Widerspruch – wohl aber ein Raum des Nachdenkens.
Begrüßung und Einführung durch den Präsidenten
Am Montag, dem 4. Mai 2026, lud die Österreichisch-Britische Gesellschaft ihre Mitglieder ins Café Ministerium zu einem Vortrag ein, der eine der großen Fragen menschlichen Nachdenkens berührte: Sind wir Menschen Ergebnis eines göttlichen Plans – oder eines zufälligen evolutionären Geschehens?
Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch begrüßte die Mitglieder und gab zunächst einen kurzen Ausblick auf die kommenden Veranstaltungen der Gesellschaft, darunter den Vortrag von Lisbeth Bischoff über König Charles III. am 20. Mai sowie die British-Car-Rundfahrt am 30. Mai. Dann führte er mit gewohnt persönlicher Note in das Thema des Abends ein. Evolutionstheologie, so deutete er an, sei kein leichtes Thema. Es gehe um eine Grundfrage, mit der sich wohl jeder Mensch irgendwann auseinandersetze: göttliches Ziel oder biologischer Zufall? Selten seien jene, die versuchten, beide Denkweisen miteinander ins Gespräch zu bringen. Einer dieser Brückenbauer sei der Vortragende des Abends, Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Schreiner.
Mit einem humorvollen Hinweis auf Schreiners umfangreiches Buch bereitete Tiroch das Publikum darauf vor, dass der Abend zwar anspruchsvoll, aber lohnend werde. Das Werk sei wissenschaftlich dicht, die eigens vorbereitete Präsentation jedoch „deutlich leichter verständlich“. Dennoch werde an diesem Abend volle Konzentration verlangt. Erst danach gebe es zur Belohnung Essen und Trinken.
Von der Bioinformatik zur Theologie
Prof. Schreiner begann mit einer kurzen biographischen Einordnung. Er habe Physik und Mathematik studiert und sei später an die Medizinische Universität Wien gekommen, wo er zunächst elektrische Signale des Herzens verarbeitete und später in der Molekularsimulation die Wechselwirkungen von Krebsmedikamenten untersuchte. Aus dieser wissenschaftlichen Tätigkeit, besonders aus der Beschäftigung mit Genomdaten und Bioinformatik, sei seine Frage erwachsen, wie moderne Molekularbiologie und christlicher Glaube zueinanderstehen. Zugleich bekannte er sich als praktizierender Christ, der sich seit langem mit der Frage beschäftigt habe, ob der Mensch zufällig entstanden sei oder durch Schöpfung.
Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die Feststellung, dass kaum jemand heute noch die biblischen sechs Schöpfungstage wörtlich verstehe. Gott habe, so der heutige theologische Zugang, die Evolution als Werkzeug der Schöpfung verwendet. Die eigentliche Frage laute daher nicht mehr, ob Evolution stattgefunden habe, sondern welche Konsequenzen diese Einsicht für den Glauben habe.
Der Zufall im Innersten des Lebens
Schreiner führte das Publikum zunächst in die molekularbiologischen Grundlagen ein. Er erklärte, wie aus DNA über RNA Eiweißstoffe entstehen und wie der genetische Code in Dreiergruppen gelesen wird. Gerade dieses System sei erstaunlich fehleranfällig: Schon eine kleine Verschiebung im Leseraster könne dazu führen, dass aus sinnvoller Information ein unbrauchbares Protein werde. Ein Ingenieur, so Schreiner, würde ein solches System wohl niemals so konstruieren. Doch gerade darin zeige sich, wie tief der Zufall in die Mechanismen des Lebens eingebaut sei.
Noch deutlicher werde dies bei den „wilden Kopiervorgängen“ im Genom. Teile der DNA würden herauskopiert, an anderer Stelle eingefügt oder sogar in umgekehrter Reihenfolge eingesetzt. Das Ergebnis sei meist biologischer „Holler“, wie Schreiner es plastisch formulierte. Und doch könnten gerade solche chaotischen Prozesse in seltenen Fällen zu neuen Arten führen. Rund 17 Prozent des menschlichen Genoms bestünden aus solchen Kopien, die so individuell seien, dass sie etwa für Vaterschaftstests verwendet werden könnten.
Die theologische Zumutung der Evolution
An diesem Punkt erhielt der Vortrag seine theologische Schärfe. Schreiner betonte, dass diese Vorgänge keine vereinzelten Unfälle seien, sondern eingebaute Mechanismen der Evolution. Der Mechanismus, der manchmal Neues hervorbringe, führe viel häufiger zu Krankheit, Leid und Tod. Die Evolution nehme auf das Individuum keine Rücksicht. Genau hier entstehe für ihn der schwierigste Widerspruch zur Rede von einem barmherzigen Gott. Wenn Gott punktuell jene Mutationen lenke, die zu neuen erfolgreichen Entwicklungen führen, müsse man ihm auch jene Mutationen zuschreiben, die Krankheit und Tod verursachen. Dies sei theologisch höchst problematisch.
Zufall als Teil des Plans
Schreiner wandte sich daher gegen eine allzu einfache Vorstellung göttlicher Steuerung. Der Zufall sehe im Detail tatsächlich wie Zufall aus. Dennoch müsse damit nicht jede Vorstellung von Ziel oder Plan aufgegeben werden. Um dies verständlich zu machen, griff er zu zwei Beispielen: dem Galton-Brett und dem Roulette. Beim Galton-Brett fällt jede einzelne Kugel zufällig, und doch entsteht am Ende zuverlässig eine bestimmte Verteilung. Beim Roulette gewinnen oder verlieren einzelne Spieler, aber auf lange Sicht gewinnt die Bank. Daraus leitete Schreiner seine zentrale These ab: Zufälle können der Weg zu einem Ziel sein. Der Widerspruch zwischen einem planenden Schöpfergott und einer vom Zufall beeinflussten Evolution könne daher ein scheinbarer sein.
Diese These formulierte er besonders prägnant: Zufall ist ein Teil des Plans.
Christsein als „overcoming evolution“
Von hier aus führte Schreiner in den theologischen Teil seiner Überlegungen. Wenn der Mensch aus einer Evolution hervorgegangen sei, die unzählige Fehlschläge, Krankheiten und Leiden in Kauf nehme, dann stelle sich auch die Frage nach Schuld, Erlösung und christlicher Verantwortung neu. Christsein könne bedeuten, gegen die blinden und oft brutalen Mechanismen der Evolution zu handeln. Schreiner sprach von einem „Mega-Auftrag“ und verwendete die Formulierung „overcoming evolution“. Die Aufgabe von Christentum und Religion bestehe dann auch darin, die „Kollateralschäden der Evolution“ zu minimieren, also Leid zu vermindern und besonders das von Menschen verursachte Leid – etwa Krieg – zu bekämpfen.
Erlösung neu gedacht
Besonders herausfordernd war Schreiners Neuinterpretation der Erlösung. Er deutete sie nicht einfach als Sühne für eine menschliche Beleidigung Gottes, sondern stärker als Versöhnung des Menschen mit Gott angesichts einer Welt, in der Leid, Krankheit und Tod tief in die evolutionäre Struktur des Lebens eingeschrieben sind. In Christus, so Schreiner, begebe sich Gott selbst in genau jene Zumutung hinein, der der Mensch ausgesetzt ist. Jesus fliehe nicht vor dem Leiden, sondern teile es. Darin liege für Schreiner die Glaubwürdigkeit der Erlösung: Gott lässt den Menschen nicht allein in der Härte der Welt, sondern setzt sich ihr selbst aus.
Fragen, Zweifel und Weiterdenken
In der anschließenden Diskussion wurden die großen Linien des Vortrags weiter vertieft. Die erste Frage zielte darauf, was Gott von einem solchen Zufallsprozess habe, wenn er den Menschen doch auch einfacher und leidfreier hätte schaffen können. Schreiner antwortete, schon diese Frage sei menschliches Denken: Wir setzten voraus, dass Gott „etwas davon haben“ müsse. Die Dimensionen der Wirklichkeit – vom Kosmos bis zur Quantenmechanik – überstiegen jedoch unser menschliches Begreifen. Man müsse demütiger werden gegenüber Widersprüchen, die vielleicht nur deshalb unauflöslich erscheinen, weil unser Denken zu klein sei.
Weitere Fragen betrafen den Beginn des Zufalls, das Verhältnis von Schicksal und Zufall, die Kritik am Kreationismus und die wörtliche Auslegung der Genesis. Schreiner unterschied klar zwischen dem heutigen historisch-kritischen Verständnis der Genesis als mythischer Erzählung und evangelikalen Lesarten, die am wörtlichen Schöpfungsbericht festhalten. Er erinnerte daran, dass auch die katholische Kirche in früheren Jahrhunderten große Mühe hatte, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen.
Auf die Frage nach seiner persönlichen Motivation erzählte Schreiner von seinem zweigeteilten Elternhaus: Der Vater, ein Atheist, habe ihn zur Naturwissenschaft geführt, die Mutter zur Kirche. Daraus sei vielleicht jene Verbindung entstanden, die ihn später angetrieben habe, als kompetenter Naturwissenschaftler über Religion und Evolution nachzudenken. Sechs Jahre habe er an seinem Buch gearbeitet, um eine Brücke zwischen Wissenschaft und Glauben zu schlagen.
Auch außerirdisches Leben, Epigenetik und der biblische Satz „Und Gott sah, dass es gut war“ wurden angesprochen. Schreiner hielt Leben außerhalb der Erde grundsätzlich für plausibel, verwies aber auf die ungeheuren Entfernungen. Zur Epigenetik erklärte er, sie verändere nicht die DNA selbst, sondern deren Ablesbarkeit. Und zur Frage, ob die Schöpfung wirklich „gut“ sei, verwies er darauf, dass vieles in der Natur keineswegs vollkommen konstruiert sei. Die Evolution sei kein Weg zur sofortigen Vollkommenheit, sondern ein Optimierungspfad, der mit Improvisation, Sackgassen und Korrekturen arbeite.
Am Ende stand die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion. Schreiner antwortete mit einem Satz, der den Abend zusammenfasste: Religion müsse so formuliert werden, dass sie der Wissenschaft nicht widerspreche. Wo naturwissenschaftliche Erkenntnisse eindeutig seien, müsse religiöse Sprache umgedeutet, vertieft oder neu verstanden werden.
Schlussworte und Ausklang
Präsident Tiroch schloss den offiziellen Teil mit Dank an den Vortragenden und an das Publikum. Er bekannte humorvoll, diesmal „fast alles verstanden“ zu haben, und meinte, der Vortrag habe das Thema leichter zugänglich gemacht als die Lektüre des Buches. Dann folgten die berühmten Schlussworte, die in der Österreichisch-Britischen Gesellschaft schon beinahe Kultstatus besitzen: Bevor das Bier und der Wein warm und die Suppe kalt werde, beende man nun den offiziellen Teil und freue sich auf einen angenehmen Abend.
So endete ein Abend, der nicht nur Wissen vermittelte, sondern zum Weiterdenken zwang. Schreiners Ansatz löst die Spannung zwischen Evolution und Schöpfung nicht durch einfache Antworten auf. Seine Stärke liegt vielmehr darin, den Zufall ernst zu nehmen, ohne den Gedanken eines göttlichen Zieles preiszugeben. Ob man seiner Deutung in allen Punkten folgen will, bleibt offen. Doch gerade darin lag der Wert des Abends: Er eröffnete einen Raum, in dem Naturwissenschaft und Theologie einander nicht verdrängen, sondern herausfordern konnten.
Nachwort
Evolution, Zufall und Vorsehung – eine ergänzende theologische Reflexion
Von Wolfgang Geißler
Der Vortrag von Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Schreiner beeindruckte durch die Ernsthaftigkeit und Konsequenz, mit der er naturwissenschaftliche Erkenntnisse in die theologische Frage nach Schöpfung und Ziel hineinnahm. Er versuchte nicht, die Naturwissenschaft zu umgehen oder durch fromme Formeln zu entschärfen. Im Gegenteil: Er nahm die molekularbiologischen Vorgänge in ihrer ganzen Härte ernst – Mutation, Selektion, Kopiervorgänge, Fehler, Scheitern, Krankheit und Tod. Gerade darin lag die Stärke des Abends.
Schreiners zentrale Frage lautete: Wie kann ein gläubiger Christ an eine planvolle Schöpfung glauben, wenn die konkreten Vorgänge der Evolution so sehr vom Zufall, von Fehlern und von Leid geprägt sind? Seine Antwort war vorsichtig und herausfordernd zugleich: Der Zufall könnte Teil des Plans sein. Für Schreiner widerspricht der Zufall nicht notwendig dem Glauben an Gott. Er könnte vielmehr Teil jener Weise sein, in der Schöpfung geschieht — auch wenn wir ihr letztes Ziel nicht überblicken.
Diese Überlegung verdient Respekt. Sie ist kein leichter Gedanke, sondern das Ergebnis eines langen Ringens. Schreiner hat sechs Jahre an seinem Werk gearbeitet; man spürt, dass hier nicht oberflächlich spekuliert wird. Zugleich bleibt seine Methode streng kritisch. Religiöse Deutungen, die allzu rasch behaupten, was Gott „gewollt“, „geplant“ oder „bewirkt“ habe, stellt er unter eine einfache, aber berechtigte Frage: Woher wissen wir das?
Diese Frage schützt vor vorschneller religiöser Vereinnahmung naturwissenschaftlicher Vorgänge. Wer sagt, Gott habe gerade diese Mutation gelenkt oder jenes biologische Ereignis bewusst herbeigeführt, muss sich tatsächlich fragen lassen, woher er das wissen will. Eine solche Rede kann schnell in eine problematische Theodizee führen: Wenn Gott die glücklichen Mutationen lenkt, wie steht es dann mit jenen, die Krankheit, Leid oder Tod verursachen?
Doch dieselbe Frage darf auch an Schreiners eigene theologischen Folgerungen gestellt werden. Wenn die klassische Lehre von Paradies, Sündenfall, Schuld, Erlösung und Sühne neu gedeutet wird, dann ist auch hier Vorsicht geboten. Nicht jede überlieferte Formulierung muss wörtlich verstanden werden; aber nicht jede schwierige Formulierung ist deshalb schon überholt.
Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen Schreiners Ansatz und einer ausdrücklich katholischen Deutung. Schreiner stützt sich bewusst auf die Heilige Schrift, bezieht den Katechismus der Katholischen Kirche jedoch nicht als tragende Grundlage seiner Argumentation ein. Das ist als persönliche theologische Entscheidung verständlich. Für eine katholische Reflexion bleibt der Katechismus jedoch nicht bloß ein späteres Regelwerk, sondern eine verdichtete Form kirchlicher Glaubensauslegung. Katholische Theologie lebt nicht von der Schrift allein, sondern aus dem Zusammenspiel von Schrift, Tradition, Lehramt und vernünftiger Durchdringung.
Gerade an dieser Stelle kann der Begriff der Vorsehung weiterhelfen. Vorsehung bedeutet nicht, dass Gott jedes Einzelereignis mechanisch steuert. Sie bedeutet auch nicht, dass wir Gottes Plan wie einen technischen Bauplan lesen könnten. Vorsehung heißt vielmehr: Die Schöpfung bleibt trotz ihrer Unvollkommenheit, Freiheit, Dynamik und Verwundbarkeit auf ein Ziel hin geöffnet.
Die entscheidende Formulierung des Katechismus lautet, dass die Schöpfung zwar ihre eigene Güte und Vollkommenheit besitzt, aber nicht völlig fertig aus den Händen des Schöpfers hervorging. Sie befindet sich in einem Zustand des Unterwegsseins – creatio in statu viae – und ist auf eine letzte Vollkommenheit hin geschaffen, die Gott ihr noch zugedacht hat.
Das ist kein Widerspruch zur Evolution. Im Gegenteil: Es erlaubt, Evolution theologisch ernst zu nehmen, ohne sie entweder zu vergöttlichen oder als bloß blinden Mechanismus zu verstehen. Die Schöpfung ist „sehr gut“, aber nicht vollendet. Sie ist sinnvoll gewollt, aber noch nicht am Ziel. Sie trägt Ordnung in sich, aber auch Offenheit, Entwicklung, Bruch und Leid.
Hier könnte man Schreiners Ansatz ergänzen: Wenn der Zufall Teil des Plans ist, dann ist Vorsehung jener Horizont, in dem dieser Plan nicht als starre Vorherbestimmung, sondern als göttliche Führung auf Vollendung hin verstanden wird.
Daraus ergibt sich der entscheidende Gedanke:
Wenn Evolution die biologische Sprache des Werdens ist, dann ist Vorsehung die theologische Sprache des Zieles.
Diese Formulierung widerspricht Schreiner nicht. Sie nimmt die naturwissenschaftliche Ernsthaftigkeit seines Ansatzes auf, führt sie aber in eine stärker katholische Sprache zurück. Evolution beschreibt, wie Leben sich entwickelt. Vorsehung fragt, ob diese Entwicklung in einem letzten Sinn gehalten und auf Vollendung hin geführt ist.
Damit bleibt auch die Frage des Leidens ernst. Christlicher Glaube sagt nicht: Alles ist gut, wie es ist. Er sagt vielmehr: Die Schöpfung ist gut geschaffen, aber verwundet und noch unterwegs. Gott ist nicht der Urheber des Bösen, aber er vermag auch aus Bruch, Schuld und Leid Heil hervorzubringen. Am Kreuz Christi wird dieser Gedanke nicht abstrakt erklärt, sondern sichtbar: Gott bleibt nicht außerhalb der leidenden Schöpfung, sondern tritt in sie ein.
Gerade hier berührt Schreiners Ansatz auch die Frage der Erlösung. Seine Deutung, Christus sei nicht nur Antwort auf menschliche Schuld, sondern auch Gottes Solidarität mit einer dem Menschen zugemuteten leidvollen Welt, verdient ernsthafte Beachtung. Eine katholische Deutung wird jedoch ergänzen müssen: Erlösung ist mehr als Trost und Solidarität. Sie ist auch Befreiung von Schuld, Entfremdung und Tod im theologischen Sinn. Das Kreuz Christi ist nicht nur Nähe Gottes im Leiden, sondern Heilshandeln Gottes – die Öffnung des Weges zur Vollendung.
In diesem Sinn kann Schreiners Evolutionstheologie als wichtiger Anstoß verstanden werden. Sie zwingt dazu, alte Begriffe nicht gedankenlos zu wiederholen. Zugleich erinnert die Lehre von der Vorsehung daran, dass katholischer Glaube mehr ist als die Anpassung religiöser Sprache an naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Er ist das Vertrauen, dass die Welt nicht aus sich selbst heraus verstanden werden muss, sondern in Gott ihren Ursprung und ihr Ziel hat.
Schreiners Vortrag stellte die Frage: Ziel oder Zufall?
Aus katholischer Sicht ließe sich antworten:
Zufall und Entwicklung sind reale Wege der Schöpfung. Aber ihr letzter Horizont ist nicht Blindheit, sondern Vorsehung. Die Welt ist nicht fertig. Sie ist unterwegs.
Und Gott führt sie – geduldig, verborgen und verlässlich – ihrer Vollendung entgegen.
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