Von einer Weltreise mit Zwischenlandung in Kamtschatka über Begegnungen mit Sammy Davis Jr. bis zu 25 Jahren Oscar-Berichterstattung – ein unterhaltsamer Abend voller Anekdoten über Hollywood, Medien und die Kunst, gute Geschichten zu erzählen.
Ein Rückblick auf Christian Reichhold „Seitenblicke exquisit – von Wien bis Hollywood– die Society im Wandel“ am 06.03.2026 im Cafe Ministerium. (Fotos: © Wolfgang Geißler)
Von Wolfgang Geißler
An diesem Abend ging es nicht nur um Hollywood, Oscars und große Namen.
Es ging um Geschichten – jene kleinen Episoden am Rande großer Ereignisse, aus denen sich manchmal die interessantesten Erinnerungen zusammensetzen.
Und kaum jemand versteht es besser, solche Geschichten zu erzählen, als Christian Reichhold, über Jahrzehnte hinweg eine der prägenden Stimmen der ORF-Sendung Seitenblicke.
Der Abend mit Christian Reichhold, dem langjährigen „Doyen“ der ORF-Sendung Seitenblicke, gehörte eindeutig zur Kategorie jener Veranstaltungen, bei denen eine Geschichte die nächste hervorbringt.
ABS-Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und stellte einen Mann vor, der über Jahrzehnte hinweg das österreichische Society-Fernsehen geprägt hat – einen Chronisten der kleinen und großen Geschichten rund um Kunst, Kultur und Gesellschaft.
Eine Weltreise – und eine unerwartete Nacht in Sibirien
Die Verbindung zwischen Gastgeber und Gast reicht viele Jahre zurück. Dr. Tiroch erinnerte sich an eine Begegnung aus dem Jahr 1995, die bereits selbst wie eine kleine Abenteuergeschichte klingt.
Damals nahm er an einer ungewöhnlichen Reise teil: „In 18 Tagen um die Welt“, organisiert von einem Luftfahrtverband – eine moderne Variante von Jules Vernes berühmter Idee.
Die Route führte von Wien über Dakar, Brasilien, New Orleans, Los Angeles, Vancouver und Alaska nach Peking und Damaskus, bevor es schließlich wieder zurück nach Wien ging.
Doch über der Beringstraße nahm die Reise eine unerwartete Wendung. Die Landeerlaubnis für Peking fehlte. Das Flugzeug musste deshalb auf einem Militärflughafen auf der Halbinsel Kamtschatka landen – mitten im sibirischen Winter.
Die Nacht verbrachten die Reisenden in improvisierten Unterkünften einfacher Militärhotels, ohne Heizung, bei eisigen Temperaturen.
„Nicht unbedingt komfortabel“, erinnerte sich Prof. Tiroch trocken, „aber jedenfalls eine interessante Nacht.“
Unter den Mitreisenden befanden sich auch Christian Reichhold und sein Kameramann, die für den ORF Material drehten. Aus dieser Reise entstanden später zwei Filme – eine längere Version und eine Kurzfassung –, die monatelang auf AUA-Langstreckenflügen gezeigt wurden.
Aus dieser zufälligen Begegnung entwickelte sich ein Kontakt, der bis heute anhält.
Die Reise endete schließlich wieder in Wien – allerdings nicht ohne eine weitere kleine Episode, die Reichhold mit sichtlichem Vergnügen erzählte.
Beim Weiterflug nach Peking hatten er und sein Kameramann im Duty-Free-Shop eine Flasche Mekong-Whisky erstanden – jene markante Flasche mit dem orange-roten Etikett, die viele Reisende von Flughäfen kennen.
Beim Rückflug nach Wien saßen Reichhold und sein Kameramann zeitweise im Cockpit. Die Flasche machte dort noch einmal die Runde unter der Besatzung. Als sie schließlich fast leer war, wurde auch dem Kopiloten ein Glas angeboten. Dieser lehnte dankend ab – er müsse passen, erklärte er trocken, schließlich stehe sein Auto bereits am Flughafen Wien.
Reichhold erzählte diese Episode später dem damaligen AUA-Chef Mario Rehulka. Der soll, so Reichhold schmunzelnd, noch Jahre danach bei der Erinnerung an diese Geschichte beinahe „in die Luft gegangen“ sein.
Damit war der Ton des Abends gesetzt: Geschichten, Erinnerungen und kleine Episoden – genau jene Mischung, aus der auch die Sendung Seitenblicke seit Jahrzehnten ihren besonderen Charme bezieht.
Vom Opernkomparsen zum Society-Chronisten
Christian Reichholds eigener Weg begann erstaunlich bodenständig.
Als Schüler arbeitete er zunächst als Komparse an der Wiener Staatsoper und verdiente sich dort ein kleines Taschengeld. Nebenbei begann er eine Schallplattensammlung aufzubauen – die inzwischen auf rund 7000 Stück angewachsen ist.
Der nächste Schritt führte ihn in den Journalismus und schließlich zum ORF-Radio. Zunächst arbeitete er im aktuellen Dienst – allerdings nur kurz. Eine Reportage über Umweltaktivisten wurde ihm als zu verständnisvoll ausgelegt.
Die Folge war schließlich ein Wechsel in die Unterhaltungsabteilung.
„Die Niederungen der Unterhaltung“, bemerkte Reichhold mit trockenem Humor, „habe ich seither nie wieder verlassen.“
Doch gerade dort sollte sich sein eigentliches Talent entfalten: Menschen zuzuhören, Geschichten aufzuspüren und aus scheinbar beiläufigen Begegnungen kleine journalistische Miniaturen zu machen.
Eine Begegnung mit Sammy Davis Jr.
Ein frühes Beispiel dafür war eine spontane Begegnung mit Sammy Davis Jr. im Wiener InterContinental Hotel.
Ohne Termin gelang es Reichhold, bis zum Zimmer des Weltstars vorzudringen. Nach einer höflichen Einstiegsfrage erklärte Davis, Musik sei sein Leben.
Darauf stellte Reichhold eine ungewöhnliche Anschlussfrage:
„Warum?“
Der Sänger hielt inne, begann zu lachen – und antwortete schließlich mit einer überraschend persönlichen Erklärung.
Eine jener journalistischen Sternstunden, die nicht aus Planung entstehen, sondern aus Intuition.
Die Geburt der „Seitenblicke“
Die legendäre ORF-Sendung entstand in einer Zeit, als der ORF begann, regionale Fernsehprogramme aufzubauen.
Reichhold wurde Teil des Teams, nachdem ihm ein Interview mit Tom Jones gelungen war – ein Interview, das einem konkurrierenden Fernsehteam entgangen war.
Die Philosophie der Sendung war von Anfang an klar:
Nicht die Reporter sollten im Mittelpunkt stehen, sondern die Gesellschaft selbst.
Reichhold verglich die Faszination des Publikums für Prominente einmal mit barocken Schauessen, bei denen Zuschauer hinter Absperrungen standen und anderen beim Essen zusahen – ein gesellschaftliches Schauspiel, das bis heute seine Anziehungskraft behalten hat.
Ein Vierteljahrhundert Oscars
Von hier aus führte Reichholds Weg schließlich nach Hollywood.
Über 25 Jahre lang berichtete er für Seitenblicke von den Academy Awards – zunächst unter Bedingungen, die heute fast nostalgisch wirken.
Das Team flog nach Los Angeles, drehte seine Beiträge und schnitt sie erst nach der Rückkehr in Wien. Die Ausstrahlung erfolgte oft mehrere Tage später – etwas, das heute undenkbar wäre.
Erst 2004 brachte die Internetübertragung aus speziellen Rechenzentren in Los Angeles den entscheidenden technologischen Quantensprung: Beiträge konnten nun praktisch in Echtzeit nach Wien geschickt werden.
Österreichische Spuren in Hollywood
Ein fixer Bestandteil dieser Reisen war die Suche nach österreichischen Geschichten in Hollywood.
Eine zentrale Figur dabei war Starkoch Wolfgang Puck, der die Oscar-Gala kulinarisch prägt. Puck empfing das österreichische Team stets freundlich und mit Humor – und wurde so über die Jahre zu einem der verlässlichsten österreichischen Ansprechpartner in Los Angeles.
Ein bemerkenswerter Erfolgsreigen
Besonders lebendig wurde der Abend, als Reichhold an eine Phase erinnerte, in der deutschsprachige Filme eine bemerkenswerte Serie von Oscar-Erfolgen feiern konnten.
Den Auftakt machte 2007 Florian Henckel von Donnersmarcks Film Das Leben der Anderen, der den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann – wobei Reichhold darauf hinwies, dass Donnersmarck neben seiner deutschen Herkunft auch einen österreichischen Pass besitzt.
Bereits 2008 folgte der nächste Triumph:
Stefan Ruzowitzkis Film Die Fälscher gewann ebenfalls den Oscar.
Hier spielte – wie Reichhold erzählte – auch der österreichische Generalkonsul in Los Angeles, Martin Weiß, eine bemerkenswerte Rolle. Er kannte die Abstimmungsregeln der Academy genau und organisierte gezielt Filmvorführungen für die stimmberechtigten Mitglieder – begleitet von Mozartkugeln, österreichischem Wein und organisiertem Transport zum Kino.
Auch in den folgenden Jahren blieb der deutschsprachige Raum präsent.
2010 war Michael Hanekes Film Das weiße Band nominiert, während Christoph Waltz für seine Rolle in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds den Oscar als bester Nebendarsteller gewann.
Der Höhepunkt dieser Serie kam schließlich 2013:
Michael Hanekes Film Amour gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, während Christoph Waltz für Django Unchained seinen zweiten Oscar erhielt.
Eine Branche verändert sich
Doch im Laufe der Jahre habe sich auch Hollywood verändert.
Früher hätten Journalisten oft direkten Zugang zu Stars gehabt – sogar Home-Stories in deren Wohnungen gedreht. Heute werde der Kontakt von Agenturen und Publicists streng kontrolliert. Interviews seien häufig standardisiert und austauschbar.
Warum Reichhold die Oscars nicht mehr besucht
Nach mehr als zwei Jahrzehnten entschied Reichhold schließlich, seine Oscar-Reisen zu beenden.
Die Gründe waren vielfältig: zunehmende bürokratische Hürden bei der Einreise, Probleme mit Kameraequipment – und ein Arbeitsklima, das immer komplizierter geworden sei. Ein Kameramann sei sogar einmal beinahe abgeschoben worden.
Fragen aus dem Publikum
In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem nach der Idee hinter den „Seitenblicken“ gefragt. Reichhold erklärte, dass viele Personen daran beteiligt gewesen seien. Ein Kurier-Redakteur habe die ursprüngliche Idee gehabt, während der damalige ORF-Generaldirektor Teddy Podgorski die Sendung zumindest nicht verhindert habe.
Auch die Frage nach den „nervigsten Seitenblickern“ kam auf. Namen nannte Reichhold keine, erwähnte aber augenzwinkernd Figuren wie Richard Lugner, die aufgrund ihres Erscheinungsbildes besonders im Gedächtnis blieben.
Schwarzenegger und Santa Monica
Natürlich durfte auch Arnold Schwarzenegger nicht fehlen. Reichhold erinnerte sich an Besuche im Restaurant „Schatzi on Main“ in Santa Monica.
Nach dem Oscar-Gewinn von Die Fälscher habe Regisseur Markovic den Oscar einmal Schwarzenegger in die Hand gedrückt. Dieser habe lachend bemerkt:
„I know exactly what you mean – this is as close to an Oscar as I will ever get.“
Die Macht der „Seitenblicke“
Zum Schluss meldete sich ein Unternehmer aus dem Publikum zu Wort.
Ein früher Seitenblicke-Beitrag über eine Party in einem Nostalgiezug habe so viel Aufmerksamkeit erzeugt, dass er beschloss, einen eigenen Luxuszug zu gründen.
So entstand der Majestic Imperator – Train de Luxe, der bis heute erfolgreich unterwegs ist.
„Dass es dieses Unternehmen überhaupt gibt“, sagte er,
„verdanke ich den Seitenblicken.“
Hollywood ist ein Zustand des Geistes
Zum Abschluss erzählte Reichhold noch eine kleine Filmgeschichte.
Während der Dreharbeiten zum Film „Der rosarote Panther“, die in den legendären Cinecittà-Studios in Rom stattfanden, traf der verspätet eintreffende Schauspieler Peter Sellers auf Regisseur Blake Edwards.
„Welcome to Hollywood“, sagte Edwards.
Sellers antwortete erstaunt:
„But this is Rome.“
Darauf Edwards:
„Hollywood is a state of mind.“
Mit diesem Satz verabschiedete sich Christian Reichhold – unter großem Applaus – von seinem Publikum.
Mit diesem Satz – halb Bonmot, halb Lebensweisheit – endete ein Abend, der weniger einem Vortrag als einer Reise durch Erinnerungen glich: von der Wiener Staatsoper über Radiointerviews und Seitenblicke bis zu den roten Teppichen von Hollywood.
Dazu passte auch der Rahmen des Abends: Das Café Ministerium sorgte mit einem ausgezeichneten Flying Dinner und ausgewählten Weinen dafür, dass Gespräche und Erinnerungen noch lange nach dem offiziellen Ende des Programms weitergeführt wurden.
Und wer Christian Reichhold an diesem Abend zugehört hatte, konnte den Eindruck gewinnen, dass auch seine Geschichten ein wenig von jenem Zustand sind, den Blake Edwards so treffend beschrieb:
Hollywood – als Zustand des Geistes.
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