Zwei Reden, Zweieinhalb Jahre, ein Staatsmann

Rückblick auf den Vortrag „Mit Zuversicht: Was wir von Gestern für Morgen lernen können“ von und mit Dr. Wolfgang Schüssel in den Räumen der ÖGAVN in der Stallburg am 26. Februar 2026

(Fotos: © Wolfgang Geißler, Wolfgang Buchta, Wolfgang Menth-Chiari)

Von Wolfgang Geißler

Die Stallburg erinnert sich

Die Stallburg hat ein Gedächtnis. Wer dort im Oktober 2023 saß, erinnert sich an die Atmosphäre. Dr. Alexander Christiani, Botschafter und Vizepräsident der Österreichisch-Britischen Gesellschaft, eröffnete damals den Abend mit dem Satz, die Welt scheine „aus den Fugen geraten“. Es war keine rhetorische Zuspitzung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme: der russische Angriff auf die Ukraine, wenige Tage zuvor das Massaker der Hamas in Israel, eine Welt, in der mehrere Konflikte gleichzeitig aufflammten.

Dr. Wolfgang Schüssel, Bundeskanzler a. D., sprach damals über den „Dritten Weltkrieg auf Raten“ – analytisch gemeint, nicht dramatisierend, und doch von bedrückender Plausibilität.

Zweieinhalb Jahre später trat Dr. Christiani erneut ans Rednerpult. Wieder sorgfältig vorbereitet, wieder persönlich engagiert. Seine Einleitung war mehr als eine formale Ouvertüre. Er führte das Publikum zurück in das Jahr 1995, in den Roten Salon des Bundeskanzleramtes, als Dr. Wolfgang Schüssel vom Wirtschaftsminister zum Außenminister wechselte und gleich zu Beginn erklärte, Diplomat sei er keiner und Französisch spreche er auch nicht. Im diplomatischen Korps war damals eine gewisse Skepsis spürbar.

Dr. Christiani erzählte diese Episode nicht als Anekdote um der Pointe willen, sondern als Wegmarke. Aus Zurückhaltung wurde Vertrauen, aus anfänglicher Distanz Anerkennung. Er erinnerte an die EU-Ratspräsidentschaft, an das spontane Dazutreten Schüssels zum „Familienfoto“ der Botschafter am Ballhausplatz – Gesten, die mehr über einen Amtsstil verraten als programmatische Reden.

Anschließend wandte sich Dr. Christiani dem Buch Mit Zuversicht zu. Er zitierte den zentralen Satz, die Welt sehe „wirklich grauslich aus“, und machte zugleich deutlich, dass dieses Buch kein Wegsehen sei, sondern ein bewusster Gegenentwurf zu Resignation. Es sei Geschichtsbuch, Biografiensammlung, persönliches Bekenntnis, Hommage an Weggefährten, Familie und Glauben – und nicht zuletzt eine Eloge auf seine Frau. Besonders hob er den Begriff des „Possibilisten“ hervor: keiner, der die Wirklichkeit beschönigt, aber auch keiner, der sich in ihr einrichtet, sondern einer, der Möglichkeiten sucht und nutzt.

1945 als Maßstab

Dr. Wolfgang Schüssel selbst begann nicht mit Europa, nicht mit Washington oder Peking, sondern mit Wien im Jahr 1945. Bombennächte, Luftschutzkeller, ein Haus, das von einer Bombe getroffen wurde, fünf Tote, eine Mutter, die erst nach Tagen aus den Trümmern geborgen wurde. Das Bild des Volksschulkindes, das in Ruinen spielte und aus zusammengebundenen Strümpfen einen Fußball formte.

Diese Erinnerungen dienten nicht der Sentimentalität. Sie setzten einen Maßstab. Wer 1945 als Ausgangspunkt kennt, misst Gegenwart anders.

Von dort führte er gedanklich in den Donbass – schon im Zweiten Weltkrieg eines der blutigsten Schlachtfelder Europas, heute erneut Kriegsschauplatz. Dass historische Tiefenschichten oft ausgeblendet würden, irritiere ihn, ließ er erkennen. Geschichte sei kein Beiwerk, sondern Voraussetzung für Urteilsfähigkeit.

Europa – Substanz statt Selbstzweifel

Aus dieser historischen Verankerung entwickelte Dr. Schüssel seine europäische Argumentation. Europa erscheine häufig als fragil; tatsächlich sei es in zahlreichen Schlüsselbereichen führend oder unverzichtbar: Urananreicherung, Spezialmaschinenbau, Pharma, Blutplasma, Turbinen für Rechenzentren. Selbst die USA und China seien in einzelnen Schlüsselbereichen auf europäische Technologien angewiesen.

Er unterlegte dies mit Zahlen: Seit dem EU-Beitritt habe sich das österreichische BIP mehr als verdreifacht, die Exporte verfünffacht, die Auslandsinvestitionen verzehnfacht. Seit dem Ende des Kalten Krieges habe Europa eine Friedensdividende von rund 2000 Milliarden Euro genutzt – für Infrastruktur, Sozialstaat und wirtschaftliche Entwicklung.

Sein Satz war klar und funktional gedacht, nicht ideologisch: Gäbe es die Europäische Union nicht, man müsste sie heute gründen.

Amerika in der Selbstprüfung

Überraschend deutlich fiel seine Analyse der Vereinigten Staaten aus. Er verwies auf das „Project 2025“ der Heritage Foundation, das detaillierte Pläne zur Umgestaltung staatlicher Institutionen enthalte. Er sprach von Loyalität, die Kompetenz ersetze, von Tendenzen zur Personalisierung von Macht und von einer möglichen Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen.

Zugleich bekannte er sich zur Hoffnung, dass die amerikanischen „checks and balances“ – etwa durch den Supreme Court – funktionieren würden. Seine Kritik war keine Abwendung vom transatlantischen Bündnis, sondern Ausdruck einer ernsthaften Sorge um institutionelle Stabilität.

Bürokratie – das österreichische Kapitel

Im Gesprächsteil meldete sich Präsident Prof. Dr. Kurt Tiroch zu Wort und führte die Debatte von der europäischen Ebene auf den österreichischen Alltag zurück. Als Gewerbetreibender, so sagte er, kenne man die Wirklichkeit aus eigener Erfahrung. Österreich sei in vielem führend – aber in einem Bereich ganz besonders: in der Bürokratie.

Er erzählte vom ehemaligen Kriegsministerium, in dem heute rund 3000 Personen arbeiteten – ebenso viele wie zu Zeiten einer Monarchie mit über 70 Millionen Einwohnern. Natürlich nicht dieselben Personen, sondern inzwischen die vierte Generation. Das System funktioniere wie ein Schneeballsystem: Einer schreibe, dreißig bekämen es in Kopie, diese antworteten wiederum – und alle seien beschäftigt. Und er fügte hinzu, er freue sich im Grunde sogar darüber, denn offenbar könne sich Österreich diesen Apparat noch leisten.

Noch anschaulicher war sein Beispiel des Schanigartens. Seit fünfzig Jahren derselbe Standort, jedes Jahr neu zu beantragen. Vor vierzig Jahren habe der Bescheid vier Zeilen umfasst; heute umfasse er zehn Seiten detaillierter Auflagen. Wenn dann mit dem Zentimetermaß nachgemessen werde und sich durch bewegliche Tische und Sessel 1,7 Quadratmeter „zu viel“ ergäben, beginne das Verfahren. Er sei für Regeln, betonte er ausdrücklich – aber das Maß sei verloren gegangen. Kaum eine Branche jammere nicht über Bürokratie.

Dr. Wolfgang Schüssel reagierte knapp und trocken: „Nichts dagegen zu sagen.“

Darauf folgte die juristische Frage nach der Datenschutzgrundverordnung. Dr. Schüssel antwortete differenziert. Regeln seien notwendig; ohne sie funktioniere kein Rechtsstaat. Doch das Prinzip der Subsidiarität müsse ernst genommen werden. Was für Großkonzerne mit eigenen Rechtsabteilungen angemessen sei, könne nicht eins zu eins auf kleine Betriebe übertragen werden.

Er verwies auf die stetig anwachsende Menge an Regulierungstexten seit den 1990er-Jahren und plädierte für Differenzierung. In diesem Zusammenhang zitierte er den jungen KI-Unternehmer Peter Steinberger mit dem knappen Satz: „Speed wins.“ Geschwindigkeit sei in der heutigen Welt ein entscheidender Faktor – nicht als Ersatz für Demokratie, aber als deren notwendige Ergänzung.

Technologie und Generationen

Zur künstlichen Intelligenz äußerte sich Dr. Schüssel ohne Euphorie und ohne Alarmismus. Niemand könne seriös prognostizieren, wohin diese Entwicklung führen werde. Es werde Verschiebungen geben, auch am Arbeitsmarkt. Doch menschliche Bewertung, Kreativität und unmittelbare Begegnung blieben zentral. Notwendig seien klare rote Linien – beim Schutz persönlicher Daten ebenso wie bei der Frage einer möglichen Superintelligenz.

Ein ehemaliger britischer Botschafter sprach Großbritannien an. Dr. Schüssel würdigte die außenpolitische Rolle Londons, erinnerte jedoch an die unrealistischen Erwartungen, auf denen der Brexit beruht habe. Dass viele junge Wähler 2016 nicht abgestimmt hätten, beschäftige ihn bis heute. Demokratie und europäische Integration seien keine Selbstverständlichkeiten; sie müssten täglich erklärt und verteidigt werden.

Auf Fragen zur Einstimmigkeit in der EU plädierte er für Pragmatismus. Grundsatzentscheidungen verlangten Einstimmigkeit, Detailfragen erforderten Flexibilität. Verstärkte Zusammenarbeit und variable Konstruktionen würden in einer erweiterten Union unvermeidlich sein.

Ein junger Zuhörer – „Sie sind der Bundeskanzler meiner Jugend“ – fragte nach einem Rat. Dr. Schüssel empfahl keine bestimmte Karriere, sondern eine Haltung: Neugier, Lernfähigkeit, Offenheit. Das heute Gelernte sei morgen vielfach überholt. Entscheidend sei die Fähigkeit, sich Wissen anzueignen. Und er sprach von Familie und Kindern – nach 1945 habe niemand argumentiert, man könne sich Kinder nicht leisten.

„Ich würde mich gerade als Junger nie fürchten vor der Zukunft,“ sagte er, „sondern sie als Freund annehmen und mit Gleichgesinnten gestalten – als Possibilist.“

Der Abschluss

Dr. Alexander Christiani erhob sich noch einmal und sprach von echter Bewunderung für diesen Abend. Mit einem augenzwinkernden „Sales-Speech“ erinnerte er daran, dass ein Staatsmann dieses Formats nicht ohne „Dollar plus“ zu haben sei. Zugleich dankte er der Österreichischen Gesellschaft für Außenpolitik und die Vereinten Nationen, dem Generalsekretär Bernd Hermann sowie allen Mitwirkenden.

Zum Schluss erzählte Dr. Wolfgang Schüssel die Geschichte der Zuni-Indianer: Zwei Jäger retten eine im Schlamm steckende Libelle. Aus Dankbarkeit gewährt sie jedem einen Wunsch. Der erste will der klügste Mann der Welt werden. „So soll es geschehen.“ Der zweite möchte noch klüger sein als der klügste Mann. Daraufhin verwandelt die Libelle ihn in eine Frau.

Wer 2023 dabei gewesen war, erinnerte sich an Dr. Christianis damaligen Schlussruf: „Wo bekommen Sie das exklusiv? In der Österreichisch-Britischen Gesellschaft!“ Auch dieser Abend fügte sich in diese Reihe. Und wie schon vor zwei Jahren klang nach der gedanklichen Reise durch Geschichte und Gegenwart das beinahe Selbstverständliche besonders angenehm: die Brötchen und Getränke aus dem Café Ministerium, die das Gespräch noch lange weiterführten.

Ein Bonus für den interessierten Leser

Was hat sich verändert?

Zweieinhalb Jahre sind in der Tagespolitik eine kleine Ewigkeit. Für einen Staatsmann mit einem halben Jahrhundert Erfahrung sind sie eher eine Wegmarke als ein Wendepunkt. Und doch lohnt sich der Vergleich.

Im Oktober 2023 sprach Dr. Wolfgang Schüssel über einen „Dritten Weltkrieg auf Raten“. Der Ton war analytisch, konzentriert, beinahe kühl. Die Welt erschien als Geflecht konkurrierender Machtachsen: Russland im offenen Krieg gegen die Ukraine, China als strategischer Herausforderer, Demokratien unter Druck, Energie als geopolitisches Instrument. Der Blick richtete sich auf Systeme, auf Verschiebungen, auf Risiken. Es war eine Diagnose der Weltlage, präzise und ohne rhetorische Überhöhung.

Als er 2026 erneut sprach, war die Welt nicht friedlicher geworden. Der Krieg dauerte an, die Spannungen hatten sich eher verschärft. Und doch hatte sich der Schwerpunkt seines Denkens verschoben. Nicht die Frontlinien standen im Zentrum, sondern die Tragfähigkeit der Institutionen. Nicht primär die äußeren Gegner, sondern die innere Stabilität der westlichen Ordnung.

Auffällig war vor allem der Blick auf die Vereinigten Staaten. 2023 galten sie noch als selbstverständlicher Anker im Systemkonflikt. 2026 hingegen richtete sich die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Erosionsprozesse im Inneren: Loyalität statt Kompetenz, Personalisierung von Macht, institutionelle Spannungen. Die Systemfrage blieb – aber sie war nicht mehr nur nach außen gerichtet.

Auch Europa erschien in einem anderen Licht. Zwei Jahre zuvor war es Teil einer gefährdeten Ordnung gewesen. Nun beschrieb Dr. Schüssel es als Substanz: wirtschaftlich leistungsfähig, technologisch unverzichtbar, institutionell belastbar. Nicht als Projekt der Gesinnung, sondern als funktionale Notwendigkeit in einer Welt konkurrierender Großmächte.

Vielleicht liegt der größte Unterschied jedoch im Umgang mit Geschichte. 2023 war Geschichte Hintergrundfolie. 2026 wurde sie zum Maßstab. Der Rückgriff auf 1945 war keine nostalgische Erinnerung, sondern ein bewusst gewählter Vergleichspunkt. Wer den Wiederaufbau aus Trümmern kennt, bewertet gegenwärtige Krisen anders – nicht, weil sie gering wären, sondern weil sie nicht beispiellos sind.

Was sich nicht geändert hat, ist die Haltung, die Dr. Schüssel selbst als „Possibilismus“ bezeichnet. Weder 2023 noch 2026 war er Optimist im naiven Sinn. Er sprach nicht von zwangsläufigem Fortschritt und auch nicht von einer automatisch besseren Zukunft. Aber er verweigerte sich der Resignation.

2023 bedeutete Possibilismus, die Gefahren nüchtern zu benennen und daraus Handlungsnotwendigkeit abzuleiten.

2026 bedeutet Possibilismus, die Gefahren ebenso klar zu sehen, aber stärker auf die eigene Widerstandskraft zu vertrauen.

Der Unterschied liegt weniger im Inhalt als im Akzent. Die Bedrohungsanalyse ist geblieben. Hinzugekommen ist eine bewusstere Betonung der Belastbarkeit von Institutionen, von Gesellschaften, von Generationen.

Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung: Der Blick ist länger geworden. Die Welt ist nicht einfacher, aber sie ist eingebettet in Erfahrung. Und Erfahrung relativiert nicht die Probleme – sie ordnet sie ein.

Und wer ordnet, verliert nicht die Orientierung.

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