Ein Rückblick auf den Vortrag von Omar Haijawi-Pirchner am 07.April 2026 in der Diplomatischen Akademie.

(Fotos: © Wolfgang Geißler und Wolfgang Buchta)

Von Wolfgang Geißler

Ein kurzer Rückblick ist notwendig, um die Bedeutung dieses Abends richtig einzuordnen. Unter Innenminister Herbert Kickl geriet das damalige Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) in eine Krise, deren Folgen weit über Österreich hinausreichten. Entscheidend war weniger die institutionelle Neuordnung selbst als der damit verbundene Vertrauensverlust gegenüber internationalen Partnerdiensten. Für einen Staat wie Österreich, dessen Nachrichtendienst in hohem Maß auf Kooperation angewiesen ist, war dies ein gravierender Einschnitt.

Die Gründung der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) war die notwendige Konsequenz. Dass es gelang, die Behörde wieder arbeitsfähig zu machen und vor allem das Vertrauen internationaler Dienste zurückzugewinnen, ist eng mit dem Namen Mag. Omar Haijawi-Pirchner verbunden.

Am Dienstag, dem 7. April 2026, lud die Österreichisch-Britische Gesellschaft in den Human Rights Space der Diplomatischen Akademie zu einem Vortrag des früheren DSN-Leiters Mag. Omar Haijawi-Pirchner über „Der Schutz des österreichischen Staates vor Terrorismus, Spionage und internationalen Verbrechen“ ein. Schon die Einladung stellte das Thema als besonders brisant und hochaktuell dar und rahmte Sicherheit ausdrücklich als strategische Führungsaufgabe in einer Zeit hybrider, geopolitischer und organisatorischer Risiken.

Botschafter Dr. Alexander Christiani eröffnete den Abend mit dem Hinweis auf das große Interesse des Publikums und auf das Privileg, Einschätzungen zu Staatsschutz, Nachrichtendiensten und Spionage aus erster Hand zu hören. Zugleich erinnerte er an die Sensibilität des Themas und bat die Anwesenden ausdrücklich um Einhaltung der Chatham House Rules, damit der Vortragende möglichst offen sprechen könne. In seiner Einführung zeichnete Christiani zunächst die institutionelle Vorgeschichte nach: Die DSN sei die Nachfolgeorganisation des BVT, dessen internationale Verbindungen in der Krise der Vorgängerjahre schweren Schaden genommen hätten. Es sei, so Christiani, ein großes Verdienst Haijawi-Pirchners gewesen, diese Behörde nicht nur neu aufzubauen, sondern sie auch wieder in ruhigere Fahrwasser zu führen und ihr internationales Vertrauen zurückzugeben. Zudem verwies er auf die damals noch unzureichende gesamtstaatliche Verankerung der Spionageabwehr und erwähnte, dass inzwischen ein neuer Gesetzesentwurf vorliege, der Spionage nicht nur gegen Österreich, sondern auch gegen EU- und UN-Einrichtungen in Wien schärfer erfassen solle. Christiani umriss drei große Themenfelder des Abends: Staatsschutz und Terrorabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur sowie Spionageabwehr in enger Zusammenarbeit mit befreundeten Diensten.

Mag. Omar Haijawi-Pirchner begann seinen Vortrag mit einer knappen persönlichen Einordnung. Er betonte, dass der Wiederaufbau des österreichischen Verfassungsschutzes kein Werk eines Einzelnen gewesen sei, sondern nur gemeinsam mit seinem Team und dank intensiver internationaler Kooperation habe gelingen können. Entscheidend sei gewesen, dass Österreich wieder als verlässlicher Partner wahrgenommen werde. Ein moderner Nachrichtendienst könne ohne Informationen aus dem Ausland nicht bestehen, schon gar nicht ein kleiner Staat wie Österreich. Zugleich machte er klar, dass der Empfang vieler Informationen nur dann ein Vorteil sei, wenn man in der Lage sei, die wirklich wesentlichen Hinweise täglich herauszufiltern. Genau darin liege heute eine der größten Herausforderungen des Verfassungsschutzes.

Haijawi-Pirchner ging auch auf seinen Rückzug aus der DSN ein. Er habe die Behörde aus persönlichen Gründen verlassen, nicht infolge irgendeines Skandals oder Drucks, wie mitunter kolportiert worden sei. Nach vier Jahren an der Spitze einer Behörde, die 24 Stunden am Tag Aufmerksamkeit verlange, habe er den Schritt in die Selbständigkeit bewusst gewählt. Zugleich stellte er klar, dass er zwar bis Jahresende formell noch im Innenministerium angebunden sei, dies aber nur mit Blick auf die gesetzlich vorgesehene Evaluierung der DSN. Operativen Zugang zu sensiblen Informationen oder zur Behörde selbst habe er seit Dezember nicht mehr. Haijawi-Pirchner gründete im Jänner ein Unternehmen, das sich dem Schutz von Unternehmen und Top-Führungskräften widmet und so sei sein Vortrag auch unter diesem Aspekt zu betrachten.

Im inhaltlichen Hauptteil zeichnete Haijawi-Pirchner ein außerordentlich ernstes Bild der gegenwärtigen Bedrohungslage. Österreich stehe, so seine Diagnose, vor den größten Herausforderungen der inneren Sicherheit seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Grund liege darin, dass Bedrohungen heute ständig neue Formen annähmen und äußere Entwicklungen unmittelbar auf die innere Sicherheit durchschlügen. Er verwies auf die Eskalationen im Nahen Osten ebenso wie auf Energiefragen, Inflationsrisiken und mögliche Versorgungsengpässe, die Extremismus und Radikalisierung zusätzlich befördern könnten. Innere Sicherheit sei deshalb längst nicht mehr rein „innenpolitisch“, sondern stark von internationalen Entwicklungen geprägt.

Den ersten großen Schwerpunkt setzte der Vortragende beim islamistischen Extremismus und Terrorismus, den er als derzeit prägendste und gefährlichste Bedrohungsform bezeichnete. Er erinnerte an vergangene Anschläge in Österreich und Europa und nannte insbesondere die vereitelten Anschlagspläne rund um die Taylor-Swift-Konzerte 2024 als einen der gravierendsten verhinderten Fälle seiner Amtszeit. Ebenso sprach er über Hinweise auf geplante Anschläge zu Silvester 2023/24, bei denen eine IS-Zelle in Wien gemeinsam mit einer Tätergruppe in Köln zeitgleiche Taten vorbereitet haben soll.

Besonders eindringlich war seine Darstellung der beschleunigten Online-Radikalisierung. Das größte Gefahrenpotenzial gehe inzwischen oft von Einzeltätern oder Kleinstgruppen aus, die sich in kurzer Zeit im Internet radikalisierten. Klassische soziale Krisenlagen, familiäre Brüche, schulisches Scheitern oder persönliche Kränkungen könnten Jugendliche in digitale Räume treiben, in denen ihnen Zugehörigkeit, Ordnung und Sinn versprochen würden. Haijawi-Pirchner schilderte Fälle, in denen sich Kinder innerhalb von drei bis vier Wochen derart radikalisiert hätten, dass sie mit Messern in Schulen gegangen seien oder Mordfantasien in Chats geäußert hätten. Moscheen spielten zwar weiterhin eine Rolle, doch sei der Online-Raum inzwischen noch wichtiger. Verstärkt werde dies durch soziale Medien, algorithmische Verstärkung und nunmehr auch durch künstliche Intelligenz, mit deren Hilfe Propaganda extrem rasch erstellt und verbreitet werden könne.

Von dort aus schlug Haijawi-Pirchner die Brücke zur Wirtschaft. Sicherheitsfragen seien längst kein Randthema staatlicher Behörden mehr, sondern ein zentrales Risiko für Unternehmen. Er berichtete von konkreten Fällen, in denen Konzerne ihn kontaktiert hätten, weil Mitarbeiter in kurzer Zeit deutliche Radikalisierungsanzeichen gezeigt hätten. Solche Entwicklungen gefährdeten nicht nur das Betriebsklima und die Produktivität, sondern könnten im Extremfall auch dazu führen, dass Material oder Know-how aus Unternehmen zur Vorbereitung von Anschlägen missbraucht werde. Die Gefahr liege daher ebenso im Reputationsschaden wie in realen Sicherheitslücken.

Ein zweites großes Themenfeld bildete der Rechtsextremismus. Auch hier sieht Haijawi-Pirchner eine erhebliche Bedrohung, gerade weil sich zunehmend junge Menschen online radikalisierten. Besonders hob er die starke Waffenaffinität des rechtsextremen Milieus hervor. Im Zeitalter von 3D-Druckern sei dies ein gravierendes Problem, weil bei Amtshandlungen im rechten Spektrum immer wieder einsatzfähige, gedruckte Schusswaffen sichergestellt würden. Er verwies außerdem auf Gewaltfantasien gegen Juden, Israelis, Andersdenkende sowie gegen Journalisten, die in rechtsextremen Chats offen artikuliert würden.

Überraschend ausführlich widmete sich der Vortragende auch dem Linksextremismus, den er als in Österreich historisch eher schwach, in den letzten Jahren jedoch wieder deutlich gefährlicher beschrieben hat. Dabei differenzierte er, dass Klimaaktivisten nicht per se linksextrem seien, verwies aber auf personelle und ideologische Überschneidungen, die von der DSN beobachtet worden seien. Im Kontext des russischen Einflusses und des Ukraine-Krieges sehe man, dass linksextreme oder linksautonome Milieus für Sabotageakte instrumentalisiert werden könnten. Als Beispiele nannte er einen Blackout in Berlin sowie einen Brandanschlag auf Tesla in Deutschland. Vor dem Hintergrund einer möglichen Energiekrise, so seine Warnung, könne der Linksextremismus in Europa weiter an Bedeutung gewinnen.

Ein zentraler Gedanke des Vortrags war sodann der Präventionsgedanke. Haijawi-Pirchner sprach sich nachdrücklich für mehr politische Bildung und Medienkompetenz aus. Jugendliche müssten früher und besser verstehen lernen, was Extremismus sei, wie geopolitische Entwicklungen auf ihr Leben wirkten und welche Gefahren digitale Räume bergen. Er kritisierte, dass Eltern oft gar nicht wüssten, womit ihre Kinder online ganze Nächte verbrächten. Auch gegenüber pauschalen Social-Media-Verboten äußerte er Skepsis. Zielführender erscheine ihm eine Beschränkung gefährlicher Inhalte und eine stärkere Verpflichtung großer Tech-Konzerne. Der Schutz Jugendlicher vor Radikalisierung sei aus seiner Sicht vor allem eine Frage von Bildung, familiärer Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Verantwortung.

Im letzten Drittel des Vortrags wandte sich Haijawi-Pirchner der Spionage, Sabotage, Desinformation und den sogenannten hybriden Bedrohungen zu. Er erläuterte, warum heute von „Hybridität“ gesprochen werde: Nicht ein einzelner spektakulärer Angriff stehe im Vordergrund, sondern eine Vielzahl kleiner, zugleich aber gezielter Nadelstiche, die Unsicherheit erzeugen, wirtschaftlichen Schaden anrichten und politische Wirkung entfalten sollen. Als Beispiel nannte er Drohnenüberflüge über deutsche Flughäfen, die zwar nicht katastrophal wirkten, aber Öffentlichkeit, Wirtschaft und Sicherheitsgefühl destabilisierten und zugleich Aufklärungsmöglichkeiten für staatliche Gegner schaffen könnten. Solche Vorgänge seien nicht bloß Störungen, sondern Elemente einer umfassenderen Strategie, mit der autoritäre Regime Einfluss auf europäische Gesellschaften und politische Mehrheiten zu gewinnen versuchten.

Besonderes Gewicht legte er auf Wiens Rolle als Spionage-Hotspot. Österreich sei wegen seiner Lage im Herzen Europas, seiner EU-Mitgliedschaft und der vielen internationalen Organisationen in Wien dauerhaft im Fokus ausländischer Dienste. Gleichzeitig verfüge Österreich, so seine pointierte Kritik, über die schwächste Gesetzgebung in diesem Bereich in Europa. Auch in der Spionageabwehr bedeute die rechtliche Schwäche einen erheblichen Standortnachteil.

Daran anschließend sprach Haijawi-Pirchner über wirtschaftliche Spionage und Sabotage. Gerade in der Halbleiter- und Quantentechnologie verfüge Österreich über Firmen mit hochattraktivem Wissen, das ausländische Akteure auf unterschiedlichen Wegen abzuschöpfen versuchten, durch Cyberangriffe ebenso wie durch „menschliche Operationen“, also Ankäufe, Einflussnahmen oder gezielte Zugriffe über Personen. Russland und Iran, so seine Einschätzung, verwendeten erhebliche Ressourcen, um Bedrohungsakte in Österreich und Europa vorzubereiten. Besonders im Blickfeld stehe dabei der Energiesektor. Deshalb plädierte er für robuste Sicherheitsmaßnahmen, mehr digitale Souveränität und dafür, europäisches und österreichisches Know-how viel stärker zum Selbstschutz zu nutzen.

In der anschließenden Fragerunde wurden mehrere politische und strukturelle Punkte vertieft. Eine erste Frage betraf die internationale Zusammenarbeit der DSN und die Frage, ob sich mit dem Beginn der Trump-Administration Veränderungen im Verhältnis zu amerikanischen Diensten wie NSA und CIA ergeben hätten. Haijawi-Pirchner antwortete, das entscheidende Grundprinzip internationaler Kooperation sei Verschwiegenheit. Er habe weltweit „Türklinken geputzt“, um Vertrauen zurückzugewinnen und den Partnerdiensten zu zeigen, dass Österreich reformbereit und lernwillig sei. Veränderungen durch politische Wechsel in Washington hätten sich zu seiner Zeit nicht abrupt niedergeschlagen. Zugleich wollte er das BVT nicht pauschal verdammen: Dort sei vieles durchaus gut gewesen, nur seien die guten Leistungen nie ausreichend vermittelt worden.

Eine weitere Wortmeldung griff den oft genannten amerikanischen Hinweis im Fall Taylor Swift auf und fragte grundsätzlich nach dem Anteil ausländischer Kontakte an der Aufklärung. Haijawi-Pirchner bestätigte erneut, dass Österreich massiv auf ausländische Informationen angewiesen sei. Selbst große Dienste könnten nicht alles allein erfassen. Der Hinweis im konkreten Fall sei tatsächlich aus dem Ausland gekommen, doch ohne die darauf aufbauende eigene Arbeit der österreichischen Stellen sei damit noch nichts gewonnen gewesen. Gerade das Zusammenspiel zwischen internationalen Hinweisen und nationaler Verarbeitung sei entscheidend.

Zur Sprache kam auch das Thema russischer Diplomaten und möglicher Ausweisungen. Haijawi-Pirchner machte deutlich, dass sich unter den zahlreichen russischen Diplomaten in Wien viele Spione befänden. Für die DSN sei es gegenüber europäischen Partnern stets schwer erklärbar gewesen, warum Österreich im Vergleich zu anderen Ländern kaum Ausweisungen vornehme. Gleichzeitig schilderte er das diplomatische Dilemma: Wegen des enormen Ungleichgewichts zwischen russischem Personal in Wien und österreichischem Personal in Moskau würde ein konsequentes Ausweisungsregime rasch zur faktischen Lähmung der österreichischen Botschaft in Russland führen. Daraus leitete er erneut seine Forderung nach einem gesamtstaatlichen Ansatz ab, bei dem Sicherheitsinteressen und diplomatische Interessen besser zusammengeführt würden.

Schließlich wurde auch die Frage der Deradikalisierung und Nachbetreuung angesprochen. Haijawi-Pirchner meinte, man müsse in Prävention und Begleitung deutlich mehr investieren, auch in Vereine und Initiativen wie „Neustart“. Zudem brauche es gesetzliche Möglichkeiten, gefährdete Personen über längere Zeiträume verbindlich zu begleiten. Als positives Beispiel nannte er Dänemark, wo man mit solchen Modellen bereits gute Erfahrungen gemacht habe.

Das Schlusswort sprach wieder Botschafter Dr. Alexander Christiani. Er bezeichnete den Abend als ernst, nachdenklich stimmend und vor allem durch offene Worte geprägt. Gerade diese Offenheit, so Christiani, mache die Qualität einer Führungspersönlichkeit aus. Er unterstrich, wie wertvoll die gewonnenen Informationen gewesen seien, zumal man aus berufenem Mund selten so direkt über die Beschränkungen und  Gefahren für den österreichischen Sicherheitsapparat höre.

Mit einem humorvollen Seitenhieb auf die interne Arbeitsteilung zwischen Präsident und Vizepräsident der Gesellschaft lockerte er den ernsten Ausklang kurz auf, ehe er Haijawi-Pirchner für seinen neuen beruflichen Weg alles Gute wünschte. Er bemerkte dabei pointiert, der Gast schütze nun zwar nicht mehr unmittelbar die Republik, wohl aber weiterhin ein wesentliches Gut Österreichs, nämlich Wirtschaft und Unternehmen. Damit schloss ein Abend, der das Publikum mit einer Fülle an Informationen, aber auch mit deutlicher Besorgnis über den sicherheitspolitischen Zustand Europas und Österreichs entließ.

Im Anschluss bot sich Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Die Diplomatische Akademie stellte Canapés sowie Rot- und Weißwein, ergänzt durch Säfte und Wasser, bereit. In dieser angenehmen und ruhigen Atmosphäre wurden Gespräche fortgesetzt, Eindrücke vertieft und Gedanken weitergeführt.

Der Abend verband damit auf überzeugende Weise fundierte inhaltliche Auseinandersetzung mit jener Form der Begegnung, die für die Österreichisch-Britische Gesellschaft charakteristisch ist.

Um mit den schon berühmten Worten unseres Vizepräsidenten abzuschließen: Wo sonst finden Sie die Möglichkeit, in diesem Rahmen solche Einblicke zu erhalten – wenn nicht bei der Österreichisch-Britischen Gesellschaft?

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