Ein Rückblick auf den Vortrag von KR Dkfm. Elisabeth Gürtler zum Thema: Zukunftsorientiertes Reisen in der alpinen Region liegt im Trend im Café Ministerium, 28.01.2026

(Fotos: © Wolfgang Geißler, Wolfgang Menth-Chiari, Wolfgang Buchta)

Von Wolfgang Geißler

Die Österreichisch-Britische Gesellschaft hatte zu einem Vortragsabend ins Café Ministerium geladen. Thema: „Zukunftsorientiertes Reisen in der alpinen Region“. Referentin: KR Dkfm. Elisabeth Gürtler, langjährige Geschäftsführerin der Sacher-Hotels in Wien und Salzburg, frühere Leiterin des Wiener Opernballs und Generaldirektorin der Spanischen Hofreitschule, heute verantwortlich für das Alpin Resort Sacher in Seefeld.

Das Thema war bewusst breit angelegt: Klimawandel, Winter- und Sommertourismus, Overtourismus, Nachhaltigkeit, Gesundheit, wirtschaftliche Perspektiven der Alpenregionen. Keine Marketingpräsentation, sondern eine Standortbestimmung – was bleibt, was sich verändert und wo neue Schwerpunkte entstehen.

Den Abend eröffnete der Präsident der Gesellschaft, Prof. Dr. Kurt Tiroch.

Prof. Tiroch begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und umriss den inhaltlichen Rahmen des Abends.

Er erinnerte daran, dass Tourismus in den Alpen längst nicht mehr nur eine Frage von Pistenkilometern und Nächtigungszahlen sei. Klimatische Veränderungen, ökologische Grenzen und gesellschaftliche Erwartungen stellten den gesamten Sektor vor neue Herausforderungen. Während Städte wie Venedig oder Barcelona bereits offen mit den Folgen des Massentourismus rangen, sei dieses Thema in den Alpen noch weniger ausgeprägt, aber auch dort nicht zu übersehen – mit Hallstatt als bekanntestem Beispiel.

Er verwies auf die Entwicklung in Wien: In der Innenstadt sei zu bestimmten Zeiten eine Überfüllung spürbar, die das Gleichgewicht zwischen Lebensraum und Besucherkulisse zunehmend belaste. Ähnliche Fragen stellten sich, zeitlich verzögert, auch in alpinen Regionen.

Vor diesem Hintergrund gehe es an diesem Abend um mehr als um Hotellerie im engeren Sinn: um Raumordnung, Nachhaltigkeit, Qualität statt bloßer Menge und um die Frage, wie Tourismus wirtschaftlich tragfähig bleiben könne, ohne Landschaft, Infrastruktur und soziale Strukturen zu überfordern.

Anschließend stellte er die Referentin vor und skizzierte ihren beruflichen Weg von den Sacher-Hotels über Opernball und Spanische Hofreitschule bis zur heutigen Tätigkeit in Seefeld. Mit dieser Erfahrung, so Tiroch, verbinde sie unternehmerische Praxis mit kulturpolitischem und gesellschaftlichem Überblick.

Er bat Frau Gürtler um ihren Vortrag und kündigte im Anschluss eine offene Diskussion an.

Frau Elisabeth Gürtler begann persönlich. Nach der Übergabe der Sacher-Betriebe an ihre Kinder habe sie sich bewusst gegen einen Rückzug entschieden. Arbeit sei für sie kein Lebensabschnitt, sondern Lebensform. Das frühere Hotel Astoria in Seefeld habe sie daher nicht als Auslaufprojekt gesehen, sondern als Neuanfang – und als Gelegenheit, sich intensiv mit der Zukunft des alpinen Raums auseinanderzusetzen.

Historisch, so erinnerte sie, sei der alpine Tourismus nicht als Wintersportindustrie entstanden, sondern als Gesundheits- und Erholungsbewegung. Künstler, Intellektuelle und später Lungenkranke suchten im 19. Jahrhundert die Höhe, die saubere Luft und das Klima. Erst mit der Eisenbahn und der wirtschaftlichen Entwicklung der Jahrhundertwende sei der Raum breiter erschlossen worden. Der eigentliche Wintertourismus, wie wir ihn heute kennen, habe sich erst zwischen den Weltkriegen und vor allem nach 1950 entfaltet.

Bereits damals betonte sie, habe Tirol begonnen, Wachstum zu begrenzen und zu steuern. Raumordnung, Bettenobergrenzen, Bauvorschriften und Umweltauflagen seien nicht Ausdruck von Fortschrittsfeindlichkeit, sondern der Versuch gewesen, Landschaft, Ortsbilder und Lebensqualität langfristig zu sichern. Qualitätstourismus sei kein Schlagwort, sondern eine ökonomische Notwendigkeit: Entscheidend sei nicht die Zahl der Gäste, sondern die Wertschöpfung pro Aufenthalt und die Tragfähigkeit für Umwelt und Bevölkerung.

Der Klimawandel verändere nun die Rahmenbedingungen grundlegend. Für den Wintertourismus bedeute er Unsicherheit: sinkende Schneesicherheit in tieferen Lagen, steigenden technischen und energetischen Aufwand für Beschneiung, den Rückgang der Gletscher und zunehmende geologische Risiken. Gleichzeitig eröffne er dem Sommertourismus neue Chancen. Hitzeperioden, Waldbrände und Überlastung in südlichen Destinationen führten dazu, dass die Alpen als kühler, stabiler und sicherer Naturraum an Attraktivität gewännen.

Ein zentrales Thema ihres Vortrags war die ökologische und energetische Dimension des Tourismus. Moderne Beschneiungssysteme, Wasserspeicherung, erneuerbare Energie, Verkehrslenkung und der Ausbau öffentlicher Anbindung seien kostenintensiv, aber unvermeidlich. Ohne diese Investitionen lasse sich weder ökologische Verantwortung noch wirtschaftliche Zukunft sichern.

Den eigentlichen strategischen Wendepunkt sah Frau Gürtler jedoch im Bereich Gesundheit und Prävention. Der Trend gehe weg von klassischer Wellness hin zu wissenschaftlich begleiteter Gesundheitsvorsorge: Schlaf, Bewegung, Höhenanpassung, Kältereize, Stoffwechsel, Muskelaufbau und individuelle Diagnostik. Die natürliche Umgebung der Alpen – Luft, Höhe, Temperatur und Bewegungsraum – biete dafür ideale Voraussetzungen.

Sie sprach von einem wachsenden internationalen Interesse an Langlebigkeit und gesunder Alterung. Nicht als Elitenprojekt, sondern als breitere gesellschaftliche Entwicklung. Der alpine Raum könne hier eine Rolle übernehmen, die er historisch schon einmal gehabt habe: als Ort der Regeneration, der Stärkung und der Prävention, nun jedoch auf der Grundlage moderner Medizin und Technologie.

Ihr Fazit war klar:

Die Zukunft der Alpen liege weder im ungezügelten Ausbau noch in musealer Erstarrung, sondern in einer Verbindung von ökologischer Begrenzung, wirtschaftlicher Qualität und gesundheitlicher Kompetenz. Gelinge es, diese drei Ebenen zusammenzudenken, könne der alpine Raum nicht nur bestehen, sondern an Bedeutung gewinnen.

In der anschließenden Diskussion standen drei Themenkomplexe im Vordergrund: technische und ökologische Fragen des Wintertourismus, die langfristige wirtschaftliche Perspektive des alpinen Raums sowie der Stellenwert von Gesundheit und Prävention als neues touristisches Leitmotiv.

Zunächst wurde die Frage der Beschneiung aufgegriffen. Moderne Anlagen, so Frau Gürtler, arbeiteten deutlich effizienter als früher, sowohl im Wasser- als auch im Energieverbrauch. Hochgelegene Speicherbecken, Photovoltaik, Wasserkraft und geothermische Systeme sollten den Betrieb langfristig klimaneutral ermöglichen. Zusätzlich werde in einzelnen Regionen Schnee über den Sommer konserviert, um den Saisonstart abzusichern. Diese Maßnahmen seien Übergangslösungen, zeigten jedoch, dass technische Entwicklung und ökologische Auflagen nicht zwangsläufig Gegensätze seien.

Ein Teilnehmer verwies auf die historische Entwicklung der Umweltstandards und stellte fest, dass Luft- und Landschaftsqualität in Österreich heute objektiv besser seien als in den 1960er- und 1970er-Jahren. Frau Gürtler bestätigte, dass viele der heutigen Regulierungen – Raumordnung, Baugrenzen und Verkehrsbeschränkungen – gerade in Tirol früh eingeführt worden seien und sich langfristig als richtig erwiesen hätten, auch wenn sie wirtschaftlich oft als Belastung empfunden worden seien.

Ein weiterer Schwerpunkt war der Ganzjahrestourismus. Frau Gürtler betonte, dass hochwertige Infrastruktur, moderne Hotels und qualifiziertes Personal nur finanzierbar seien, wenn Betriebe nicht auf wenige Monate im Jahr beschränkt blieben. Saisonmodelle mit langen Schließzeiten führten zu Personalverlust, Wissensabfluss und Qualitätsproblemen. Ziel müsse eine möglichst gleichmäßige Auslastung über das Jahr sein, mit unterschiedlichen, aber gleichwertigen Angeboten im Sommer und im Winter.

Deutlich politischer wurde die Diskussion beim Thema europäische Klimapolitik. Frau Gürtler äußerte Skepsis gegenüber einem einseitigen wirtschaftlichen Belastungskurs in Europa, während große Emittenten weltweit andere Prioritäten setzten. Ökologische Verantwortung sei notwendig, dürfe jedoch nicht zur strukturellen Selbstschwächung führen. Europa müsse Lösungen entwickeln, die ökologisch wirksam und zugleich wirtschaftlich tragfähig seien.

Breiten Raum nahm schließlich die Frage des Personals ein. Qualitätstourismus, so Frau Gürtler, stehe und falle mit der Dienstleistungskultur. Gebäude und Technik seien ersetzbar, Erfahrung, Haltung und Motivation nicht. Der Wertewandel jüngerer Generationen – stärkere Betonung von Freizeit, Selbstbestimmung und Sicherheit – zwinge Betriebe zu neuen Arbeitsmodellen, mehr Flexibilität und größerer Wertschätzung. Gleichzeitig blieben die Erwartungen der Gäste hoch. Dieses Spannungsfeld werde zu einer der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre.

Zum Thema Gesundheit und „Longevity“ wurde gefragt, ob es sich um ein Nischenphänomen für ein wohlhabendes Publikum oder um einen breiteren Trend handle. Frau Gürtler vertrat klar die zweite Position. Prävention, personalisierte Medizin und gesundes Altern würden sich, ähnlich wie Fitness- oder Ernährungsbewusstsein, schrittweise in der Breite der Gesellschaft durchsetzen. Der alpine Raum biete dafür natürliche Voraussetzungen, die weltweit kaum zu finden seien: Höhe, Luft, Temperatur, Bewegungsraum und Ruhe.

Persönlich befragt, schilderte sie ihren eigenen Zugang: regelmäßige Bewegung, bewusste Ernährung, Verzicht auf Alkohol, kontrollierte Kältereize und medizinische Begleitung – nicht als Askese, sondern als langfristige Investition in Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit im Alter.

Der Abend machte deutlich, wie sehr sich der alpine Raum an einem Wendepunkt befindet. Klimatische Veränderungen, ökologische Grenzen und gesellschaftliche Erwartungen erzwingen ein Umdenken, das weit über klassische Tourismusstrategien hinausgeht. Winter- und Sommertourismus, Raumordnung, Energie, Mobilität, Personal und Gesundheit lassen sich nicht mehr getrennt betrachten.

Elisabeth Gürtler zeigte, dass wirtschaftlicher Erfolg und ökologische Verantwortung kein Widerspruch sein müssen, wenn Qualität, Begrenzung und langfristige Perspektive ernst genommen werden. Die Alpen, so ihr zentrales Argument, sind nicht nur Landschaft und Kulisse, sondern ein Lebens- und Gesundheitsraum, dessen Bedeutung in einer alternden und stärker gesundheitsbewussten Gesellschaft eher zu- als abnehmen wird.

Nach Vortrag und Diskussion beendete der Präsident den offiziellen Teil ohne weitere Ausdeutung mit jenem schlichten Satz, der den Übergang vom Denken zum Gespräch markiert:

„Meine Damen und Herren, die Suppe wird kalt, das Bier wird warm.“

***